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Feuerhölle Fähre«Der grösste Massenmord nach dem 2. Weltkrieg»

Vor 23 Jahren starben 159 Menschen an Bord der «Scandinavian Star». Experten kommen nun zum erschreckenden Schluss: Es war Brandstiftung für einen Versicherungsbetrug.

von
kub

Noch war alles ruhig, als die «Scandinavian Star» am Abend des 6. April 1990 aus dem Hafen von Oslo auslief. Es schien eine ganz normale Fahrt für die Nordsee-Fähre zu werden, die am nächsten Tag im dänischen Fredrikshavn hätte ankommen sollen.

Doch 159 Passagiere überlebten die Nacht nicht. Um 2 Uhr morgens versuchten einige Fährgäste erfolgreich, ein aufloderndes Feuer zu löschen. Doch wenig später wurde ein anderer Brandherd auf dem Schiff entdeckt. Dieses Feuer geriet schnell ausser Kontrolle. Nicht alle der 500 Passagiere hörten den Alarm, weil dieser zu leise eingestellt war. Die meisten der 159 Opfer erstickten, während sie in ihren Kajüten schliefen.

Schuldiger war unschuldig

Bisher galt ein dänischer Lastwagenfahrer als Brandstifter und Verursacher der Katastrophe. Der angeblich Schuldige, der den Brand aus Unachtsamkeit verursacht haben soll, starb selber in der Feuerhölle.

Doch jetzt hat eine zwölfköpfige Expertenkommission das Schiffsunglück vom 7. April 1990 im Skagerrak neu untersucht – und kommt zu einem erschreckenden Schluss: «Dies war der grösste Massenmord in Nordeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg», sagt der schwedische Brandexperte Håkon Winterseth, Chef der Kommission. Die neue These: Vier Besatzungsmitglieder legten die Brände absichtlich – im Auftrag der Reederei, die die Versicherung betrügen wollte. Denn an Bord kam es erwiesenermassen zu vier unterschiedlichen Bränden. Der Lastwagenfahrer starb aber bereits nach dem zweiten Brand.

Pure Geldgier

Die Expertengruppe begründete ihre abweichende Meinung mit zahlreichen «mysteriösen und unbeachtet gebliebenen Vorgängen» vor und während des Unglücks sowie auch danach. So habe der Eigner die «Scandinavian Star» kurz vor dem Unglück neu und auffällig hoch versichert. Nach Ausbruch des zentralen Brandherdes hätten Besatzungsmitglieder grosse Fensterscheiben mit Stühlen eingeworfen, so dass sich das Feuer schneller ausbreiten konnte. Ein Zeuge habe berichtet, dass der Maschinenchef der Fähre später einen «Umschlag mit 800'000 Kronen» (heute: rund 130'000 Franken) überreicht bekommen habe.

In der Zeitung «Aftenposten» stellte sich auch der für die letzte offizielle Untersuchung verantwortliche Norweger Øystein Meland hinter die Forderung nach einem Aufrollen des Falls: «Es gibt Elemente, die unklar sind.»

Klar ist allerdings auch, dass wegen totaler Sprachverwirrung, krassen Sicherheitsmängeln und fehlender Schulung der Crew so viele sterben mussten. Der Kapitän, ein dänischer Reeder und dessen Geschäftsführer wurden deswegen mit je sechs Monaten Haft bestraft.

Dokumentation des Unglücks (YouTube)

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