Im Mittelmeer – Der grösste Untersee-Vulkan Europas ist aktiv – und wird nicht überwacht
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Im MittelmeerDer grösste Untersee-Vulkan Europas ist aktiv – und wird nicht überwacht

Vor Kalabrien schlummert ein riesiger, noch aktiver Unterwasser-Vulkan. Dennoch verfügt Italien nicht über ein Überwachungssystem unterseeischer Vulkane. Dies ist laut der Wissenschaft nicht nur gefährlich, aus energiewirtschaftlicher Sicht auch äusserst schade.

von
Karin Leuthold

Der Ausbruch des Hunga-Tonga-Hunga-Ha’apai im Pazifik gibt Vulkanologen Rätsel auf. Derart folgenschwere Eruptionen eines Untersee-Vulkans sind selten – und noch seltener sind durch Feuerberge ausgelöste Tsunamis.

20 Minuten / phs

Darum gehts

Die Mega-Eruption des unterseeischen Vulkans Hunga-Tonga-Hunga-Ha’apai im Pazifik hat die Wissenschaft überrascht. Man wisse «mehr über die dunkle Seite des Mondes, als über den Ozean», meinte neulich Emily Lane, Expertin für Hydrodynamik am neuseeländischen Institut für Wasser- und Atmosphärenforschung, etwas spöttisch. Tatsächlich gibt es unzählige Unterwasser-Vulkane auf der Erde, die meisten in grosser Tiefe. Der grösste noch aktive Vulkan Europas befindet sich im Tyrrhenischen Meer - der Marsili lauert vor der Südküste Italiens, zwischen Palermo und Neapel.

Obwohl er noch aktiv ist, werde der Marsili nicht überwacht, wie Carlo Doglioni, Präsident des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) gegenüber «Corriere della Sera» zugibt. «Wir verfügen nicht über ein Unterwasser-Überwachungssystem, das es uns ermöglicht, seine Aktivität und die von der Chemie seines Magmas abhängige Explosivität vollständig zu verstehen», sagt Doglioni.

Bricht der Marsili aus, steht Süditalien unter Wasser

Der Vulkan wurde in den 1920er Jahren entdeckt und nach dem italienischen Wissenschaftler Luigi Ferdinando Marsili benannt. Er ist 70 Kilometer lang, 30 Kilometer breit und bedeckt eine Fläche von 2100 Quadratkilometern. Der Vulkan gilt als «potenziell gefährlich», weil bei einem Ausbruch Tsunamis von bis zu 20 Metern entstehen würden, die die Küsten treffen würden.

Der Vulkanologe Salvatore Passaro vom Nationalen Forschungsrat (CNR) erklärt gegenüber dem Portal «Startmag», dass die wichtigsten Studien über den Marsili in den letzten zehn Jahren durchgeführt worden seien, «obwohl er schon seit hundert Jahren bekannt ist.» Der Wissenschaftler bezeichnet den Vulkan als «riesig aus Sicht der Emissione» und als «komplex und sehr gegliedert» in seiner Morphologie.

«Der Grossteil seiner Aktivität endete vor etwa 200'000 Jahren, aber er ist nicht völlig inaktiv», stellt Passaro klar. Es gebe zwar Grund zur Sorge, aber «keinen zur Beunruhigung», meint der Vulkanologe. Die Aktivität des Marsilis beschränkt sich auf kleine Zentren geothermischer Emission und kleine Ereignisse tatsächlicher vulkanischer Emission. «Was bei schweren Explosionen problematisch sein kann, ist die Möglichkeit der Erzeugung anomaler Wellen, das heisst von Tsunamis». Hinzu kommt, dass laut Passaro «die besondere Beschaffenheit und Morphologie der Hänge des Vulkans» zu Erdrutschen an seinen Flanken führen könnte. Auch dies würde Tsunamis auslösen.

Forscher fordern, dass Marsili genauer studiert wird

Auf der Website des INGV heisst es, das Risiko einer submarinen Eruption des Marsilis sei «äusserst gering», da ein Ausbruch in einer Tiefe von mehr als 500 Metern «wahrscheinlich nur zu einer vorübergehenden Umleitung der Schifffahrtswege führen würde».

Forscher Carlo Doglioni vom INGV fordert trotzdem neue Studien zum Marsili, um die Stabilität seiner Flanken zu überprüfen. Vulkanologe Passaro ist damit einverstanden - jedoch aus einem anderen Grund: Der Vulkan könnte aus energiewirtschaftlicher Sicht wichtige Ressourcen für Italien enthalten: «Es gibt geothermische Ströme, die zur Energiegewinnung genutzt werden können. Ausserdem wegen der hohen Konzentration von Edelmetallen wie Gold, Silber und Kupfer.»

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