Raketen-Doppelpack: Der grosse sowjetische Bluff
Aktualisiert

Raketen-DoppelpackDer grosse sowjetische Bluff

Vor 50 Jahren schreckten die Sowjets beim Wettlauf ins All den Westen auf. Ihr Gruppenflug zweier «Wostok»-Raumschiffe war eine Sensation – auch wenn sie dabei ein wenig tricksten.

von
Gerhard Kowalski
dapd

Am 11. August 1962 hat die damalige Sowjetunion mit einer kosmischen Spitzenleistung Furore gemacht, die als erster Gruppenflug zweier Raumschiffe in die Geschichte einging. Vor 50 Jahren startete der Kosmonaut Andrijan Nikolajew mit «Wostok 3» vom Kosmodrom Baikonur ins All, und einen Tag später folgte ihm sein Freund Pawel Popowitsch mit «Wostok 4». Am 15. August kehrten die «Himmelsbrüder» im Doppelpack wieder wohlbehalten zur Erde zurück.

Der Kreml verkaufte das Ereignis als neue sozialistische Errungenschaft und Beweis für seine Überlegenheit bei der Eroberung des Alls. Dabei setzte er ganz bewusst darauf, den Westen in die Irre zu führen.

Nicht manövrierfähig

Vor allem die USA nahmen die Nachricht mit grosser Sorge auf. Denn der Gruppenflug suggerierte, dass die Sowjets nunmehr über steuerbare Raumschiffe verfügten, die notfalls auch an denen des «Klassenfeindes» andocken und diese kapern könnten.

Doch diese Befürchtung war absolut unbegründet. Die «Wostok»-Schiffe liessen sich mitnichten aktiv steuern. Nikolajew und Popowitsch waren wie ihre Vorgänger Juri Gagarin und German Titow auch nur Passagiere an Bord. Das erste manövrierfähige sowjetische Raumschiff hiess «Sojus» und hob erst im April 1967 ab.

Geniestreich Koroljows

Im Nachhinein erwies sich der Gruppenflug vor allem als ein grosser politischer Bluff. Schuld daran war letztlich Nikita Chruschtschow: Der umtriebige Partei- und Regierungschef verlangte immer neue spektakuläre Leistungen im Weltraum, die sich so richtig propagandistisch ausschlachten liessen.

Und so musste sich Chefkonstrukteur Sergej Koroljow etwas einfallen lassen. Da ihm wenig Zeit blieb, prinzipiell Neues zu schaffen, griff er zu einer taktischen List, wie die Russen sagen, und startete eben im Tagesabstand zwei Raumschiffe.

Ungeachtet aller politischen Tricksereien ist und bleibt es einer der Geniestreiche Koroljows, dass damals erstmals zwei Menschen in unterschiedlichen Raumschiffen zur selben Zeit im All unterwegs waren.

Nur fünf bis sechs Kilometer Distanz

Zudem zeigen sich hier Parallelen zum Flug von «Sputnik 2» mit der Hündin Laika, der 1957 ebenfalls im Schnellverfahren organisiert wurde. Der Gruppen- oder Doppelflug, der im Juni 1963 von Waleri Bykowski und Walentina Tereschkowa wiederholt wurde, war ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung der Starttechnik und Bahnmechanik für künftige Annäherungs- und Kopplungsmanöver. Immerhin wurden «Wostok 3» und «Wostok 4» so präzise auf ihre Umlaufbahn geschossen, dass sie die Erde zeitweise im Abstand von nur fünf bis sechs Kilometern umkreisten, bevor sie wieder auseinander drifteten.

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