Aktualisiert 08.03.2012 09:58

Waffenschutz-Initiative

Der «Güllengraben» wird noch breiter

Am Abstimmungssonntag zeigte sich ein Graben zwischen Stadt und Land. Dieser wird zunehmen, hat aber nichts mit Parteipolitik zu tun, sagt Politologe Golder.

von
Lukas Mäder

Früher sorgte der Röstigraben für Diskussionen, heute zeigt sich eine Art «Güllengraben» zwischen Stadt und Land. Was ist passiert?

Lukas Golder: Wir sehen, dass sich zwischen den Grossstädten und der restlichen Deutschschweiz zunehmend ein Graben auftut. Bei der Abstimmung über die Waffenschutz-Initiative dürfte er bisher am markantesten gewesen sein. Wir haben ihn aber auch schon bei der Ausschaffungs- und der Anti-Minarett-Initiative sowie bei der Vorlage zu Schengen/Dublin beobachtet.

Sehen Sie den Stadt-Land-Graben nur bei bestimmten Themen?

Er zeigt sich bei europapolitischen Themen, aber fast noch deutlicher bei Migrationsfragen. Früher galt die Regel, dass Verschärfungen im ausländerpolitischen Bereich nur Zustimmung finden, wenn Regierung und Parlament dahinterstehen. Inzwischen gibt es aber auch bei Initiativen Mehrheiten, wie sich bei der Ausschaffungs- und der Minarettfrage gezeigt hat.

Was ist Ihre Erklärung dafür?

Ausserhalb der Grossstädte findet eine Rückbesinnung auf die Tradition, die Nation und ihre Stärken statt. Das sehen wir beim jährlichen Sorgenbarometer. In den letzten Jahren haben einige markante Ereignisse diese Entwicklung befördert.

Welche?

Die Finanzkrise und die Situation der Banken haben Abhängigkeiten gezeigt. Die Wahrnehmung der Bedrohung gegenüber der Schweiz hat sich verändert. Hinzu kommt noch die Eurokrise. Das hat den Eindruck erweckt, man müsse nur hart genug sein, dann könne man sich auch behaupten. Das Selbstbewusstsein wurde gestärkt, obwohl sich grosse Risiken gezeigt haben.

Aber diese Entwicklung hat schon vor den jüngsten Wirtschaftskrisen eingesetzt.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war die EU-Debatte in den 1990er-Jahren geprägt von Tendenzen zur Entnationalisierung. Die EU wird heute nicht mehr als Teil eines globalen Friedensprojekts gesehen. Der politische Teil der EU hat an Strahlkraft verloren.

Die konservativen Kräfte um die SVP waren aber bereits in den 1990er-Jahren gegen die EU.

Das Projekt EU wurde lange als möglicher Katalysator für Reformen gesehen, denn die Schweiz zeigte in den 1990er-Jahren wirtschaftliche Schwäche. Als Höhepunkt führte das Grounding der Swissair 2001 vor Augen, dass nicht mehr alles Schweizerische funktioniert. Inzwischen haben die bilateralen Verträge Stabilität gebracht, wir erleben seither einen Wachstumsschub. Die Form der Rückbesinnung auf traditionelle Schweizer Werte kam von der SVP aus und wurde parallel mit dem Aufstieg der Partei attraktiv.

Der Stadt-Land-Graben ist eine Folge des SVP-Erfolgs?

Das Klischee von SVP-Anhänger gegen die Linken funktioniert hier nicht. Der Stolz auf die Schweiz hat sich auch bei politisch links Stehenden verstärkt. Gleichzeitig gab es beispielsweise in der Stadt Zürich wohl auch FDP-Anhänger, die Ja zur Waffenschutz-Initiative gestimmt haben. Vielmehr hat sich in den Grossstädten, insbesondere in Zürich, eine Lebensform entwickelt, die von globalen Trends getrieben ist. Diese Personen haben in keiner Weise das Gefühl, sie müssten etwas verteidigen. Sie sehen beispielsweise auch Migration als etwas Positives.

Und der gegensätzliche Lebensentwurf auf dem Land ist von Abschottung geprägt?

Nein, nicht unbedingt. Es ist zwar ein bürgerlich-konservativer Lebensentwurf mit Einfamilienhaus und Familie. Aber das können Personen sein, die auf dem Land wohnen, in die Stadt pendeln und beispielsweise im Marketing für einen internationalen Konzern arbeiten. Sie können zu den Gewinnern der globalisierten Welt gehören, aber trotzdem die Schweiz als Erfolgsmodell sehen. Sie können vielleicht gerade wegen der Globalisierung deren Vor- und Nachteile abschätzen und der Meinung sein, die Schweiz habe das in den letzten Jahren gut gemacht.

Welche Parteien wählen diese Personen?

Die SVP steht voll im Trend der Rückbesinnung auf die Tradition. Deshalb ist es keine Überraschung, dass auch CVP und FDP im Wahlkampf auf das Thema Schweiz setzen. Sie wollen in dieser ländlichen Lebenswelt Wähler abholen. Die traditionelle Haltung der SVP scheint aber auch neue Leute zu mobilisieren, die bisher eher unpolitisch waren und beispielsweise abstimmen, aber nicht wählen gingen.

Die SVP könnte in diesem Umfeld also weiterwachsen?

Ja. Die SVP kommt auch bei den Jungen gut an. Es ist beeindruckend, wie stramm bürgerlich die Jugendlichen heute denken. So erhält beispielsweise der bilaterale Weg von den Jungen immer weniger Unterstützung.

Der Graben zwischen Stadt und Land wird also weiter wachsen?

Es gibt keine Anzeichen, dass sich dieser Trend stoppen lässt.

Fehler gefunden?Jetzt melden.