Aktualisiert 07.06.2012 09:14

Euro-Franken-KursDer gute, der böse und der hässliche Weg

Verteidigen, erhöhen – oder aufgeben? Die SNB ist wegen des Euro-Mindestkurses in der Kritik. Analog zum legendären Spaghetti-Western drei Szenarien.

von
Balz Bruppacher
Wann kommt es zum Showdown? Clint Eastwood spielt den Guten im Film «The Good, the Bad and the Ugly» von Sergio Leone aus dem Jahr 1966.

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Die jüngste Kontroverse um den Euro-Mindestkurs macht deutlich: Seine Verteidigung ist alles andere als ein Spaziergang. Nachstehend eine Einschätzung zur SNB-Strategie und möglichen Alternativen:

Das «gute» Szenario mit dem Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken

Die Nationalbank legte die Untergrenze am vergangenen 6. September fest, nachdem sie die Aufwertung des Frankens trotz rekordtiefen Zinsen und offenen Geldschleusen nicht bremsen konnte. Die Kosten zur Verteidigung des Mindestkurses hielten sich lange in Grenzen.

Mit der Zuspitzung der Krise in Griechenland und in Spanien verstärkte sich aber die Flucht in den Franken. Experten gehen davon aus, dass die SNB in den letzten Wochen Euros in zweistelliger Milliardenhöhe kaufen musste, um den Mindestkurs zu halten.

Wie lange können die Währungshüter dem Druck standhalten?

Theoretisch unbegrenzt. Praktisch sind der Nationalbank aber dennoch Grenzen gesetzt, wenn sie unter politischen Druck kommt. Der kritische Punkt ist deshalb die Ausstiegsstrategie. Idealerweise würde sich der Ausstieg von selbst lösen, wie dies in der einzigen vergleichbaren Situation vor vier Jahrzehnten geschah: Im Oktober 1978 hatte die Nationalbank ein Kursziel der D-Mark von deutlich über 80 Rappen fixiert. Innerhalb eines Monats wertete sich der Franken gegenüber der D-Mark um 5 Prozent ab und verlor in den nachfolgenden 18 Monaten weiter an Wert. Die Nationalbank musste deshalb die Untergrenze für die D-Mark gar nie formell aufheben.

Fazit: Im Idealfall würde sich der Euro nachhaltig erholen. Auch wenn es dafür zurzeit wenig Anzeichen gibt - helfen wird die Teuerungsdifferenz zwischen der Schweiz und dem Euroraum. Bleibt die Inflation in der Schweiz deutlich tiefer, sinkt auch der Aussenwert des Frankens.

Das «böse» Szenario mit einem Mindestkurs von 1.35 bis 1.40

Einen höheren Mindestkurs haben die Gewerkschaften und die Linke von Anfang an gefordert. Die schrittweise Anhebung in Richtung Kaufkraftparität war auch in Wirtschafts- und Behördenkreisen und unter Ökonomen anfänglich eine von vielen befürwortete Strategie.

Inzwischen ist es ruhig geworden um solche Wünsche. Vor allem wegen der Zuspitzung der Eurokrise und des wahrscheinlicher gewordenen Austritts Griechenlands. Die Währung sei nicht beliebig manipulierbar, sagte SNB-Präsident Thomas Jordan der «SonntagsZeitung» und fügte hinzu: «In einer noch schlimmeren Krisenlage wäre das fatal und kontraproduktiv.»

In Erinnerung sind die Ereignisse vom Frühsommer 2010. Damals versuchte die Nationalbank den Eurokurs mit massiven Käufen auf einem Niveau von 1.40 bis 1.45 Franken zu halten. In der Folge erhöhten sich die Eurobestände in der SNB-Bilanz innerhalb von drei Monaten um 64 Milliarden Euro. Als die Nationalbank die Eurokäufe Mitte Jahr einstellte, folgte bis Ende 2010 ein Kurssturz auf unter 1.30 Franken. In den Büchern der Nationalbank blieb unter dem Strich ein Rekordverlust von 21 Milliarden Franken. Die SVP wollte den Handlungsspielraum der Nationalbank einschränken; Christoph Blocher forderte den Kopf des SNB-Präsidenten.

Fazit: Mit einer schrittweisen Erhöhung des Mindestkurses würde sich die Schweiz auch internationaler Kritik aussetzen, sie betreibe einen Abwertungswettlauf. Als grosser Finanzplatz ist die Schweiz aber gerade in Krisenzeiten auf eine reibungslose Zusammenarbeit mit den führenden Notenbanken angewiesen.

Das «hässliche» Szenario mit der Aufhebung des Mindestkurses

Die Preisgabe der Untergrenze hätte einen Kurssturz des Euro zur Folge. Experten erwarten einen Wertverlust um 20 bis 30 Rappen. Konkurse und Produktionsverlagerungen mit dem Verlust von Zehntausenden von Arbeitsplätzen in der Exportwirtschaft wären die Folge. Der Tourismus wäre mit dem Ausland preislich nicht mehr wettbewerbsfähig. KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm sagte im «Tages-Anzeiger», eine beschleunigte Abwanderung aus den Bergregionen in die Täler voraus.

Die Nationalbank erlitt durch die Aufhebung des Mindestkurses nach nicht einmal einem Jahr einen gewaltigen Gesichts- und Glaubwürdigkeitsverlust. Die Währungsgüter betonten in den vergangenen Monaten bei jeder Gelegenheit, die Euro-Untergrenze kompromisslos zu verteidigen und nötigenfalls unbeschränkt Devisen zu kaufen.

Eben erst mit einem blauen Auge aus der Hildebrand-Affäre hervorgegangen, stünde die neuformierte SNB-Spitze erneut im Kreuzfeuer der Kritik. Es fiele schwer, politische Angriffe auf die Unabhängigkeit der Notenbank abzuwehren. Deshalb die Diskussion über flankierende Notfall-Massnahmen zum Mindestkurs. Wobei sich darüber streiten lässt, ob es geschickt ist, dass Jordan jetzt schon öffentlich von möglichen Kapitalverkehrskontrollen spricht. Bricht der Euro auseinander, könnte die Nationalbank den Mindestkurs auch für einen Korb mehrerer Währungen fixieren.

Fazit: Solange die Zukunft des Euro in der Schwebe bleibt, käme die Kapitulation beim Mindestkurs einem Eigengoal gleich. Politisch motivierte Angriffe auf die Nationalbank schwächen die Abwehrkette.

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