Aktualisiert 28.02.2014 10:27

Schweizer in China

«Der Hals und die Lunge schmerzen»

Wie ist es, wenn man vor lauter Smog das Haus nicht mehr verlassen sollte? Viele haben Mühe zu atmen, manche bekommen sogar Asthma. Schweizer erzählen vom Leben in Peking.

von
kmo

Nach einer Woche extremen Smogs können die Pekinger wieder aufatmen. Eine Kaltfront brachte am Mittwochabend (Ortszeit) im Norden und Osten Chinas erstmals wieder Wind und leichten Regen, so dass der Schadstoffindex von «gefährlichen» 400 bis 500 auf immerhin nur noch «ungesunde» 160 zurückging – das entspricht dem Sechsfachen des von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Grenzwerts. Zuvor waren die Schadstoffwerte in Peking auf den Spitzenwert von 577 gestiegen. Das entspricht dem 23-fachen des WHO-Grenzwertes.

«Hals und Lunge schmerzen»

Wie schwierig das Leben im Smog ist, erzählen Leser gegenüber 20 Minuten: «Die Luftqualität hier ist einfach grausam», sagt etwa David Tobler, der seit zwei Jahren in China lebt und gerade an einer Messe in Peking ist, «das Atmen fällt schwer, Hals und Lunge schmerzen.» «Der Smog ist unvorstellbar,» erzählt Leserin Jenny Kost. «Peking ist einer der wenigen Orte, wo man ohne Sonnenbrille direkt in die Sonne sehen kann, ohne zu blinzeln.»

Doch offenbar gewöhnt man sich an die widrigen Bedingungen: «In den ersten paar Tagen fiel mir das Atmen schon bei Werten ab 150 schwer, nach zwei Monaten sind Werte bis 350 kein Problem mehr. Das ist beängstigend!», sagt Tobias Krummenacher. Andere hatten keine Beschwerden: «Ich höre zwar von Leuten mit Kopfschmerzen oder einem Kratzen im Hals», sagt Leserin Nadja Pomante, «aber ich könnte nicht sagen, dass ich irgendwelche Probleme verspürte.»

«Ein nettes asthmatisches Souvenir»

Andere geben sich geschlagen, wie ein Schweizer Expat, der anonym bleiben möchte. «Ich habe als Expat in Peking gelebt, doch jetzt breche ich das Projekt ab. Es ist einfach nicht mehr auszuhalten», schreibt B. A.* «Es trifft zwar nicht jeden, aber in meinem Fall bringe ich tatsächlich ein nettes asthmatisches Souvenir in die Heimat mit.»

Angesichts der extremen Luftverschmutzung steigt die Nachfrage nach Atemschutzmasken unentwegt. Doch damit ist das Problem nicht gelöst, wie Leser-Reporter Krummenacher meint: «Die Mehrheit der Masken, die sich in Umlauf befinden, sind nahezu nutzlos. Es handelt sich dabei eher um einen Spuckschutz.» Er hält sich an die Devise: möglichst zuhause bleiben.

«Die Schweizer sind mitschuldig»

Auch die fehlende Aufklärung durch die chinesischen Behörden ist Thema: «Die lokalen Werte werden immer etwas tiefer gehalten als die reale Luftbelastung», erzählt Tobias Krummenacher ebenfalls aus Peking. «Es scheint, als ob grosse Teile der Bevölkerung gar nicht im Bild sind, was ein Wert von 570 bedeutet.»

20-Minuten-Leser David Tobler weist zudem auf den globalen Zusammenhang der Luftverschmutzung hin: «Vieles, was man in Schweizer Läden kauft, kommt aus China. Doch der Dreck bleibt hier.»

* Name der Redakton bekannt (kmo/sda)

Vergleich mit nuklearem Winter

Forscher vergleichen die Auswirkungen des Smogs in China mit denjenigen eines sogenannten nuklearen Winters. Wie bei der Verdunklung und Abkühlung der Erdatmosphäre wegen Staub und Rauch nach einem Atomschlag bekämen Pflanzen auch bei Smog weniger Sonnenlicht, wodurch die Ernte «auf jeden Fall» beeinträchtigt werde, sagte He Dongxian, Dozentin von Chinas Landwirtschaftsuniversität.

«Bei einem Smogtag wird die Sichtweite reduziert - das heisst, die Lichtstärke für Pflanzen wird verringert», erklärte sie: «Die Photosynthese wird geschwächt, was grossen Einfluss auf das Wachstum nicht nur der Blätter, sondern auch der Samen und der Früchte hat.»

Dadurch verschlechtere sich nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität der Ernte: «Besonders im Winter und Anfang des Frühjahrs nimmt der Smog zu, was vor allem die landwirtschaftliche Produktion in Glashäusern stark beeinträchtigt.»

Mit anderen Wissenschaftlern unternimmt He Dongxian entsprechende Experimente mit Saatgut: «Da wir so viele Smogtage hatten, hat die Saat, die wir im Januar gepflanzt haben, noch nicht gekeimt, obwohl sie normalerweise schon spriessen müsste.»

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