Pyro-Werfer-Urteil: «Der harte Kern wird sich nicht abschrecken lassen»
Aktualisiert

Pyro-Werfer-Urteil«Der harte Kern wird sich nicht abschrecken lassen»

Erstmals muss ein Schweizer Fussballfan wegen der Verwendung von Sprengstoffen ins Gefängnis. Ob das eine abschreckende Wirkung hat, bezweifelt der Polizeibeamten-Verband.

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jen

Hans-Jürg Käser, Präsident der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD), im Interview. (Video: SDA)

Ein 24-jähriger Fan des FC St. Gallen muss 18 Monate ins Gefängnis, weil er bei einem Fussballspiel vier Pyrogegenstände, zwei Rauchkörper und zwei Knallpetarden aufs Feld geworfen hat. Das hat das Bundesstrafgericht am Mittwoch entschieden. Zudem kassiert er 18 Monate unbedingt und muss eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 50 Franken und eine Busse von 700 Franken zahlen.

Beim FC St. Gallen will man das Urteil nicht kommentieren. Auf Anfrage heisst es aber, dass der Club mit den Behörden, der Swiss Football League (SFL) und anderen Vereinen zusammenarbeite, um gewalttätige Personen zu identifizieren, um sie der Staatsanwaltschaft zu übergeben.

«Wir haben das Urteil mit Genugtuung zur Kenntnis genommen»

Der Präsident der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz, Hans-Jürg Käser, ist mit dem Urteil des Bundesstrafgerichts gegen einen 24-jährigen Hooligan zufrieden. Er habe sich «gefreut», als die Bundesanwaltschaft erstmals Anklage erhoben habe in einem Pyro-Fall, weil es sich um ein Sprengstoffdelikt handle. Und er freue sich, dass das Gericht mit insgesamt drei Jahren Gefängnis ein harte Strafe ausgesprochen habe, sagte der Berner Polizeidirektor.

Auch die Swiss Football League (SFL) nahm das Urteil «mit Genugtuung zur Kenntnis», wie SFL-CEO Claudius Schäfer sagte. Das Urteil zeige, dass die Zusammenarbeit zwischen der SFL, den Fussball-Clubs und den Behörden inzwischen gut funktioniere.

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Zu Beginn des Spiels zwischen dem FC Luzern und FC St. Gallen vom  21. Februrar 2016 gab es eine Spielverzögerung wegen den Fans des FC St. Gallen.

Zu Beginn des Spiels zwischen dem FC Luzern und FC St. Gallen vom 21. Februrar 2016 gab es eine Spielverzögerung wegen den Fans des FC St. Gallen.

Keystone/urs Flueeler
Der nun zu einer vom Bundesstrafgericht verurteile Ostschweizer hatte beim Beginn des Spiels zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen vier Pyrogegenstände aufs Feld geworfen, zwei Rauchkörper und zwei Knallpetarden. Er kassierte 36 Monate Freiheitsstrafe, davon muss er 18 Monate ins Gefängnis.

Der nun zu einer vom Bundesstrafgericht verurteile Ostschweizer hatte beim Beginn des Spiels zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen vier Pyrogegenstände aufs Feld geworfen, zwei Rauchkörper und zwei Knallpetarden. Er kassierte 36 Monate Freiheitsstrafe, davon muss er 18 Monate ins Gefängnis.

Keystone/Jean-Christophe Bott
Durch den Knall eines Pyros, einem sogenannten Kreiselblitz mit Funkenflug, erlitt ein Zuschauer einen irreversiblen Hörschaden. Dem Geschädigten muss der 24-Jährige eine Genugtuung von 12'000 Franken zahlen.

Durch den Knall eines Pyros, einem sogenannten Kreiselblitz mit Funkenflug, erlitt ein Zuschauer einen irreversiblen Hörschaden. Dem Geschädigten muss der 24-Jährige eine Genugtuung von 12'000 Franken zahlen.

Keystone/Dominic Favre

Der SFL hofft, dass Urteil eine präventive Wirkung hat

Schäfer verwies darauf, dass der nun verurteilte Fan des FC St. Gallens mit Hilfe von im Stadion des FC Luzern installierten Kameras identifiziert worden sei. KKJPD-Präsident Käser bestätigte Schäfers Befund: Die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Behörden sowie dem SFL und den Clubs im Rahmen des Hooligan-Konkordats funktioniere gut, sagte er.

Der SFL «hofft, dass das Urteil eine präventive Wirkung hat», wie der Geschäftsführer des Fussballverbands weiter sagte. Auch der Chef der bernischen Polizei- und Militärdirektion erhofft sich vom «strengen Urteil» gegen den Hooligan eine «abschreckende Wirkung».

«Pyros bekommen wir einfach nicht in den Griff»

Das Urteil zeige, dass der Wurf eines Pyros schwere Konsequenzen haben könne. «Das Hooligan-Konkordat zwischen den Kantonen ist seit bald zehn Jahren in Kraft und wir haben einige Erfolge erzielt – ausser bei den Pyros», sagte KKJP-Präsident Käser. «Die bekommen wir einfach nicht in den Griff.»

Oftmals habe ein Pyro-Wurf für den Täter bislang keine Konsequenzen gehabt. Zum einen, weil die Identifizierung der oft vermummten Täter schwierig sei, und zum anderen, weil Hooligans sich gegenseitig kaum anzeigen würden, selbst wenn einer selbst zum Opfer werde.

Ob das Signal des Urteils auch die ganz harten Jungs in der Szene erreicht, bezweifelt Käser. «Das Urteil ist ein Schuss vor den Bug», sagte er, «doch der harte Kern der Hooligans wird sich nicht abschrecken lassen.»

«Solche Taten dürfen nicht als Kavaliersdelikt angeschaut werden»

Auch beim Verband Schweizerischer Polizeibeamter (VSPB) heisst es, dass das Urteil «ein wegweisender Entscheid» sei. Ob das Urteil längerfristig aber eine abschreckende Wirkung habe, sei schwierig zu sagen. Präsidentin Johanna Bundi Ryser: «Ich hoffe es. Für uns ist aber wichtig, dass man das Problem anerkennt. Auch in Zukunft müssen Täter zur Rechenschaft gezogen werden und solche Taten dürfen nicht als Kavaliersdelikt angeschaut werden.»

Laut Bundi Ryser hat die Gewaltbereitschaft militanter Fans in den letzten Jahren zugenommen. «Wenn man die Ausschreitungen anschaut, ist es haarsträubend.» Das sei ein Problem und müsse nicht nur durch die Justiz angegangen werden. «Auch die spezialisierte Fanarbeit und die clubinternen Massnahmen können zu langfristigen Verbesserungen beitragen.»

Angeklagter am Pranger

Bei der Fanarbeit Schweiz nahm man das Urteil aus Bellinzona skeptischer auf. Das Urteil werde «zur Kenntnis» genommen, hiess es auf der Website des Dachverbandes der Fanarbeitenden.

«Grundsätzlich spricht sich Fanarbeit Schweiz klar gegen den Einsatz von Knallern und Böllern im Umfeld von Fussballspielen aus. Gleichzeitig will sie aber auch festhalten, dass dieser nicht mit dem Einsatz von anderem pyrotechnischem Material gleichgesetzt werden darf.» Die Einzeltäterverfolgung sei zu begrüssen; die Strafe müsse aber verhältnismässig sein.

Das Urteil selbst wollte Fanarbeit Schweiz nicht kommentieren. Die Organisation kritisierte aber die «öffentlichen und medialen Kampagnen gegen den Angeklagten» vor und während des Prozesses. Diese Kampagnen «sind aus Sicht von Fanarbeit Schweiz weder legitim noch zielführend».

(jen/sda)

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