Aktualisiert 06.10.2017 14:36

Schweizer Pfarrer im Irak«Der Hass auf die Kurden wird immer stärker»

Andreas Goerlich erlebte vor, während und nach dem Referendum eine Bandbreite an kurdischen Emotionen. 20 Minuten erzählt er davon.

von
Ann Guenter
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«Die Woche vor dem Referendum war eine wahre Festwoche, man hatte das Gefühl, der Staat feiere täglich seinen Geburtstag», erzählt Andreas Goerlich.

«Die Woche vor dem Referendum war eine wahre Festwoche, man hatte das Gefühl, der Staat feiere täglich seinen Geburtstag», erzählt Andreas Goerlich.

AFP/Ahmad Al-rubaye
Der Schweizer Pfarrer erzählt, was er in der Zeit vor, während und nach dem Kurden-Referendum erlebte.

Der Schweizer Pfarrer erzählt, was er in der Zeit vor, während und nach dem Kurden-Referendum erlebte.

Ann Guenter/20Minuten
Demonstration in der Kurden-Hauptstadt Erbil gegen das seit letzter Woche von Bagdad verhängte Flugverbot.

Demonstration in der Kurden-Hauptstadt Erbil gegen das seit letzter Woche von Bagdad verhängte Flugverbot.

epa/Gailan Haji

Die Stimmung im Irak ist nach dem Referendum der Kurden angespannt. Die Regierung in Bagdad drohte gar mit einer militärischen Intervention, lehnt Verhandlungen auf Grundlage des Referendums strikt ab. Auch die Nachbarstaaten Türkei und Iran drohen den Kurden mit einem Bestrafungskatalog, sollten sie ihr Unabhängigkeitsvorhaben nicht aufgeben.

Der Schweizer Pfarrer Andreas Goerlich erzählt, was er im Norden des Irak, in Kurdistan, in der Zeit vor, während und nach dem Referendum erlebte. Jetzt habe sich eine kollektive Depression breitgemacht. Die Kurden fühlten sich von der ganzen Welt im Stich gelassen.

«Als ob der Staat täglich seinen Geburtstag feiere»

«Die Woche vor dem Referendum war eine wahre Festwoche, man hatte das Gefühl, der Staat feiere täglich seinen Geburtstag. Das fand ich einerseits sehr schön, andererseits habe ich das Treiben auch kritisch beäugt», erzählt Goerlich. «Ich erhielt schon zuvor den Eindruck, dass Kurdistan nicht reif ist für einen Staat. Sie schaffen es ja nicht einmal, sich unter den vier kurdischen Untergruppen und im Kleinen zu einigen. Wie soll das in einem eigenen Staat gehen?»

Im Gespräch zeigten sich einige Kurden sehr realistisch und selbstkritisch, andere hätten Zweifel am Referendum gar nicht verstehen können. «In den Diskussionen stellen sie sich auf den Standpunkt, dass man in einer Demokratie doch das Recht habe, frei zu wählen. Als ich sagte, dass Kurdistan keine Demokratie sei, kam das nicht besonders gut an.»

«Beobachter sollten beobachten, nicht beeinflussen»

Die Überschwänglichkeit in der Woche vor dem Referendum habe mitunter etwas Unheimliches an sich gehabt: «Auf Facebook wurde fast gleichgeschaltet gefeiert, überall hingen riesige Bilder des Präsidenten, Barzani wurde mit platten Slogans verherrlicht – das alles grenzte fast schon an Demagogie. Das Stammesdenken war eindrücklich greifbar.»

Der Tag des Referendums war bereits überschattet von den Drohungen Bagdads, Ankaras und Teherans. Und dem Schweizer Pfarrer kamen Zweifel, ob bei dieser Abstimmung alles mit rechten Dingen zu- und herging.

«Als Ausländer kam ich nicht in die Wahllokale hinein. Facebook aber war überfüllt mit Posts von sogenannten Wahlbeobachtern, die bei den Urnen zum Teil offene Stimmzettel mit dem ‹Ja› abfotografierten. Doch Beobachter sollten beobachten, nicht beeinflussen. Und da die Beobachter selbst nicht kontrolliert wurden, liegt der Verdacht nahe, dass mitunter mehrfach abgestimmt werden konnte.»

«Was soll denn Erbil sein?»

Am Tag nach der Abstimmung machte die irakische Zentralregierung Ernst. Die Schikanen begannen, ein gegenseitiger, tief verwurzelter Hass unter den Bevölkerungsgruppen des Landes wurde spürbar.

«Wir waren auf dem Weg in ein Screeningcamp bei Mosul, waren also auf irakischem Boden. Zuvor war das nie ein Problem, aber jetzt fragte man uns an den Checkpoints, woher wir kämen. Als wir antworteten, wir kämen aus der Kurdenhauptstadt Erbil, kam die Antwort: ‹Was soll denn Erbil sein?› Die Sicherheitsleute machten uns unmissverständlich klar, dass wir nur mit einem Visum aus Bagdad weiterkommen würden», erzählt der Pfarrer.

«Wir waren nicht die Einzigen: Alle NGOs und auch die Peshmerga, die Nahrung und Wasser in die Camps bei Mosul bringen wollten, wurden zurückgeschickt. Dabei werden Lebensmittel dringend benötigt. Das hat mich wirklich schockiert.»

«Ihr seid Staatsfeinde»

Es wurde noch schlimmer. Bereits am Dienstag wurde bekannt, dass Bagdad alle Flüge nach oder aus Erbil verbieten werde – es sei denn, die kurdische Regionalregierung widerrufe das Ergebnis des Referendums. Unter den Ausländern machte sich Unbehagen breit. Auch Goerlich, der bald in die Schweiz zurückkehren müsste, war mulmig zumute. Er fokussierte sich auf seine Arbeit.

«Wir versuchten erneut, nach Mosul zu gelangen. Dieses Mal wollten die irakischen Sicherheitsleute den Zeigefinger unsere kurdischen Begleiter sehen (mit dem rechten Zeigefinger und Tinte wird abgestimmt, Anmerkung der Redaktion). Sie suchten nach Tintenspuren, Hinweisen also, ob sie abgestimmt hatten. Das war der Fall und so hiess es: ‹Ihr seid Staatsfeinde, ihr habt den Irak verraten. Ihr kommt nicht weiter!›»

«Mir wurde richtig übel»

Dank Verbindungen zu einer irakischen NGO gelangte Goerlich doch noch in das Gebiet bei Mosul. «Mir wurde, ehrlich gesagt, richtig übel. Die irakischen Sicherheitskräfte an den Checkpoints sprachen wie zu Saddams Zeiten, der Hass auf die Kurden sei immer stärker spürbar geworden. ‹Die haben ein Verbrechen begangen mit dieser Abstimmung, eigentlich müsste man ihnen den Finger abhacken›, sagte etwa ein Soldat.»

Andere seien über die Jesiden hergezogen, schimpften, diese seien von vorgestern. «Jetzt, wo der gemeinsame Feind, der IS, vertrieben ist, bekämpft sich die irakische Bevölkerung wieder gegenseitig. Wie traurig, dass der Irak seine Hausaufgaben nicht gemacht hat», sagt Goerlich.

«All die Jahre des Kampfes – und so dankt es die Welt»

Mittlerweile würden auch die Leistungen der Peshmerga im Kampf gegen den IS nicht anerkannt: «Wegen der Eroberung Mosuls reklamiert die irakische Armee den Sieg gegen den IS allein für sich. Das ist pure Geschichtsklitterung. Die Kurden sind denn auch tief verletzt», so Goerlich weiter.

Im Augenblick sei eine regelrechte kollektive Depression spürbar, eine grosse Enttäuschung auch darüber, dass die Amerikaner als Verbündete der Kurden es zuliessen, dass Bagdad sie so behandle. «All die Jahre des Kampfes gegen den IS – und so dankt es die Welt den Kurden. Das internationale Schweigen ist sehr bitter für sie.»

«Der Schuss ging nach hinten los»

War das Referendum der Kurden in seinen Augen der richtige Schritt zur richtigen Zeit? «Nein, auch wenn man es den Kurden nicht verübeln kann, dass sie es durchzogen. Doch der Schuss ging nach hinten los», sagt der Schweizer Pfarrer. Die Folgen machen sich mehr und mehr bemerkbar. «Fast ein Viertel der Kurden arbeitet derzeit in humanitären Organisationen. Mittlerweile werden aber viele freigestellt, weil die NGOs sich neu sortieren müssen, aus Bagdad neue Bewilligungen brauchen, um arbeiten zu dürfen.»

Auch herrsche grosse Angst, dass die Türkei und der Iran als weitere Strafaktion die Grenzen schliessen könnten, keine Waren und Nahrungsmittel mehr liefern würden, von denen ganz Kurdistan abhängt. «Doch dann gingen auch ihnen hohe Gewinne verloren, so dass ich nicht glaube, dass es so weit kommt.»

«Hoffentlich nicht so heiss gegessen, wie gekocht»

Viele Kurden hätten zudem darauf gehofft, dass es nach dem Krieg gegen den IS mehr Stellen geben und sich ihr Lohn verbessern würde. Fast die ganze Bevölkerung wurde damit getröstet, dass sie mit dem Referendum für alle Entbehrungen belohnt würde.

«Danach sieht es nicht aus», sagt Goerlich. «Schlimmer noch: Angesichts der Strafmassnahmen aus Bagdad und den aggressiven Reaktionen der Nachbarländer hat man derzeit den Eindruck, als ob die irakischen Kurden ihre bisherige Autonomie nun auch noch verlieren werden.»

Der Schweizer Pfarrer kam diese Woche zurück in die Schweiz. Wegen des Flugverbotes, das Bagdad nach wie vor über Erbil verhängt hat, fuhr er mit dem Taxi zur türkischen Grenze, wo er von Mardin aus nach Istanbul und nach Zürich flog.

Im Dezember will er wieder zurück in den Irak, wo er mehrere Hilfsprojekte betreibt. «Bis dann», so hofft Goerlich, «wird sich die Lage wieder beruhigt haben. Es wird hoffentlich nicht so heiss gegessen, wie gekocht wird.»

Interreligiöse Hilfe zur Selbsthilfe

Pfarrer Andreas Goerlich setzte sich mit dem Verein Khaima für die Hilfe zur Selbsthilfe im Nordirak sowie für das interreligiöse Zusammenleben ein. Auf Khaima.ch gibt es einen Überblick über Projekte und Spendemöglichkeiten.

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