Medizinstudenten: «Der Hausarzt ist der Sherlock der Ärzte»
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Medizinstudenten«Der Hausarzt ist der Sherlock der Ärzte»

Kaum ein Mediziner möchte heute noch Hausarzt werden. Am 18. Mai entscheidet das Volk über eine Initiative, die das ändern soll. Sechs Medizinstudenten nehmen Stellung.

von
Caroline Freigang

Wer vom Arztberuf träumt, sieht sich wohl eher als Chirurg im Operationssaal und nicht als Hausarzt in Birkenstocksandalen. Das Image des Hausarztes als graue Maus scheint sich unter den Medizinern bis heute hartnäckig zu halten – von einem Nachwuchsmangel in der Hausarztmedizin ist die Rede und von jammernden alten Hausärzten, die sich keine Mühe gäben, die Jungen zu motivieren, wie das Interview mit einer jungen Hausärztin zeigt. Der Gegenvorschlag zur Hausarzt-Initiative, über den die Schweiz in zwei Wochen abstimmt, möchte Gegensteuer geben. Aber wie sehen das die Nachwuchsärzte selbst? Was hat sie dazu bewegt, Medizin zu studieren – und wie sehen sie den Beruf des Hausarztes? 20 Minuten hat sich mit sechs Medizinstudenten unterhalten.

Luca Koechlin (25) ist im 6. Studienjahr an der Uni Basel und lernt für das Staatsexamen. Sein Berufswunsch: Chirurg.

«Ursprünglich war mein Interesse für Biologie und Sport der Grund, wieso ich das Medizinstudium begann. Ich werde mich in der Chirurgie spezialisieren, entweder Herz- oder Viszeralchirurgie. Für mich ist das Spannende an der Chirurgie, dass man sofort ein Ergebnis erzielt. Natürlich ist der Kontakt zu Patienten in der Chirurgie oft nicht so lang andauernd wie bei einem Hausarzt, der seine Patienten teilweise über 20 bis 30 Jahre hin betreut. Aber die Situation, einen Patienten zu operieren, ist ebenso eine intensive Art des Patientenkontaktes. Auch unter meinen Mitstudenten wollen viele in die Chirurgie – diese wirkt vermutlich nach wie vor trendiger als die Hausarztmedizin. Studentinnen bevorzugen Fachrichtungen, in denen man sich selbstständig machen kann, beispielsweise in Form einer Hausarztpraxis. Dies gibt einem den Freiraum, die Arbeit besser mit einer Familie zu vereinbaren. Meine Entscheidung, mich auf die Chirurgie zu spezialisieren, hätte eine Initiative aber auf keinen Fall beeinflusst.»

Sandro Speck (25), studiert im 5. Studienjahr Humanmedizin an der Uni Zürich und arbeitet derzeit in einer Hausarztpraxis. Sein Berufswunsch: Hausarzt.

«Mich hat ein prägendes Erlebnis dazu bewegt, Medizin zu studieren. Als Jugendlicher beobachtete ich einen Unfall, bei dem eine junge Frau hinter einem einparkenden Auto eingeklemmt wurde. Ihr Bein wurde dabei fast abgetrennt. Ich rannte hin, um sie zu befreien. Danach habe ich mich gefragt, was ich tun kann, um anderen zu helfen. Ich denke, dass viele Studenten ein ähnliches Erlebnis hatten. Des Geldes wegen wird keiner Medizin studieren. Das Studium ist lang und die Entlöhnung ist gerade am Anfang des Berufslebens bescheiden. Ein Assistenzarzt verdient im Monat etwa 6000 Franken netto. Ich habe mich entschieden, Hausarzt zu werden. Wird die Initiative zur medizinischen Grundversorgung angenommen, bestätigt dies meinen Entschluss, denn sie würde für Sicherheit im Hausarztberuf sorgen. Ich bin überzeugt, dass mehr junge Mediziner dies als Grund sehen würden, Hausarzt zu werden.»

Gianluca Comazzi (26), lernt ebenfalls für das Staatsexamen an der Uni Bern. Sein Berufswunsch: Anästhesist.

«Mein Traumberuf als Kind war Rega-Pilot – für mich waren das die Helden der Lüfte. Da die Rega aber höchstens einen Piloten pro Jahr benötigt, verflüchtigte sich dieser Traum. Da ich mich für das Medizinstudium entschieden habe, kann ich trotzdem in der Zukunft eventuell als Rega-Arzt arbeiten. Auf eine Spezialisierung habe ich mich noch nicht festgelegt, aber seit einem Praktikum in der Anästhesie tendiere ich in diese Richtung. Mich reizt die Verantwortung, welche man vor, während, und auch nach der Operation für den Patienten hat. Unter uns Studenten spielen bei der Wahl der zukünftigen Fachrichtung unterschiedliche Faktoren eine Rolle: bisherige Erfahrungen, Familienplanung, Arbeitsbelastung, aber auch das zukünftige Einkommen. Wenn bei ähnlichem Arbeitspensum ein Spezialist das Vielfache eines Hausarztes verdient, spielt das bei diesen Überlegungen oft auch eine Rolle. Die Initiative ist somit wichtig, um den Nachwuchs für die medizinische Grundversorgung sicherzustellen und den Hausärzten zu zeigen, dass ihre Arbeit auch geschätzt wird.»

Vera Guyer (24), 5. Studienjahr an der Uni Bern, jetzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Luzern. Ihr Berufswunsch: Hausärztin.

«Am Anfang meines Studiums wollte keiner von uns Medizinstudenten Hausarzt werden. Ich dachte, da behandle man den ganzen Tag lang nur Erkältungen und Bluthochdruck. Aber genau das finde ich spannend, zu entscheiden, ob es eben ein einfacher Schnupfen ist, oder aber etwas, das man weiter abklären muss. Das Gehalt spielt für mich eine sekundäre Rolle, für mich ist der langfristige Kontakt mit den Patienten ausschlaggebend. Ich denke, dass die Hausarztinitiative, welche unter anderem zum Ziel hat, die Aus- und Weiterbildung in der Hausarztmedizin zu verbessern, dazu beiträgt, mehr Studierende für die Hausarztmedizin zu begeistern.»

Lisa Schmid (34) studiert Medizin als Zweitausbildung, steht kurz vor dem Staatsexamen. Berufswunsch: Hausärztin.

«Ich habe angefangen Medizin zu studieren mit dem Wunsch, später Hausärztin zu werden. Interessant an dieser Sparte ist das breite Spektrum an Patienten – hier kommen die verschiedensten Krankheiten, Altersgruppen und sozialen Hintergründe zusammen. Trotzdem denke ich, dass der Status des Berufs immer noch ein Problem darstellt. Als Hausarzt hast du unter den Ärzten relativ gesehen das geringste Einkommen, trägst aber gleichzeitig eine sehr hohe Verantwortung. Ich denke, dass die Hausarzt-Initiative hilft, die Ärzte abzusichern, die Grundversorgung für alle sicherzustellen und zukünftig wieder mehr Studenten für diesen Beruf zu begeistern. Momentan muss man dafür schon etwas idealistisch sein.»

Nadhini Arumuganathan: studiert an der Uni Zürich. Berufswunsch: noch nicht festgelegt.

«Schon als ich klein war, bin ich gerne zum Arzt gegangen. Während sich andere Kinder sträubten, war ich immer fasziniert, was der Arzt alles konnte. Für mich ist auch heute der Hausarzt noch eine Art Sherlock Holmes der Ärzte, da er Patienten genau analysieren muss, um diese dann korrekt zu therapieren. Genau dieses Fachgebiet sollte in der Uni attraktiver gestaltet werden. Wir Studenten brauchen Vorbilder und die Hausarzt-Initiative sollte genau darauf abzielen: den Studenten den Beruf schmackhafter zu machen. Dann wäre es nicht so schwierig für noch unentschlossene Studenten wie mich, den Beruf des Hausarztes zu wählen.»

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