Aktualisiert 26.07.2011 15:37

Hunger in Somalia

Der heikle Pakt mit der Terror-Miliz

Zur Bekämpfung der Hungersnot in Somalia muss der Westen mit der berüchtigten Al-Shabab-Miliz zusammenarbeiten, die mit Al Kaida verbündet ist – ein kaum lösbares Dilemma.

von
pbl

In Teilen Südsomalias wütet laut den Vereinten Nationen wegen der verheerenden Dürre am Horn von Afrika die schwerste Hungersnot seit Jahrzehnten. «Die verzweifelte Lage erfordert sofortiges Handeln, um Leben zu retten»», sagte Mark Bowden, der UNO-Koordinator für humanitäre Hilfe in Somalia. Die südlichen Regionen Bakool und Lower Shabelle seien bereits von einer Hungerkatastrophe betroffen, sagte Bowden am Mittwoch.

Und damit beginnt auch das Problem, denn diese beiden Regionen werden von der radikal-islamischen Al-Shabab-Miliz kontrolliert, die mit dem Terrornetzwerk Al Kaida verbündet ist. Um zehntausende Menschen vor dem sicheren Tod zu retten, müssten Geldgeber und Hilfswerke einen «faustischen Pakt» mit einer Gruppe eingehen, die für ihre Brutalität berüchtigt ist und von den USA als Terrororganisation eingestuft wird, betont CNN.

Beschimpfungen und Drohungen

Bislang war Al Shabab westlichen Hilfswerken eher feindlich gesinnt. 2009 mussten viele ausländische Organisationen ihre Hilfslieferungen in den Süden Somalias einstellen, nachdem sie als westliche Spione und christliche Kreuzritter beschimpft worden waren. Im Januar 2010 zog auch das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) seine Mitarbeiter ab. Sie waren von den Milizionären bedroht und belästigt worden.

Unter dem Eindruck der Hungerkatastrophe hat sich Al Shabab nun bereit erklärt, wieder westliche Hilfe zuzulassen. Bereits letzte Woche brachte das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF erstmals seit zwei Jahren wieder Güter in die von Al Shabab kontrollierte Stadt Baidoa. Es habe keine Behinderungen gegeben. Auch das WFP ist laut einem Sprecher im Dialog mit der Gruppe. Man verlange Garantien für einen ungehinderten Zugang, doch angesichts der alarmierenden Lage sei die Frage nicht ob, sondern wann man nach Somalia gehe.

Miliz könnte profitieren

Kritiker verweisen darauf, dass Al Shabab von der Situation profitieren könnte. So haben die USA in letzter Zeit Drohnenangriffe auf Anführer der Islamisten durchgeführt. Dies dürfte nun schwieriger werden. Auch hat die Miliz immer wieder Nahrungsmittel abgezweigt und von den Hilfswerken Geld verlangt. Zudem könnte Al Shabab versuchen, die Kontrolle über Gebiete zurückzugewinnen, in denen sie in der Defensive war.

Für Raj Shah von USAID, der Entwicklungshilfeorganisation der US-Regierung, ist es kein Zufall, dass die am schlimmsten betroffenen Gebiete in Somalia sich unter der Kontrolle von Al Shabab befinden, wie er gegenüber CNN erklärte. Dennoch wollen die USA ihre Haltung lockern: «Präsident Obama und Aussenministerin Clinton möchten, dass wir herausfinden, ob Al Shabab humanitären Zugang gewähren wird», sagte Shah.

Verschiedene Fraktionen

Die Skepsis bleibt gross. Man traue den Islamisten «überhaupt nicht», sagte ein hoher US-Regierungsvertreter zu CNN. Hinzu komme ein weiteres Problem: Die Miliz sei keineswegs geeint, es gebe Kämpfe innerhalb der Gruppe: «Ihr Verhalten ist vollkommen unberechenbar.» Vertreter von Hilfswerken bestätigen, dass eine Fraktion von Al Shabab flexibler sein könne als eine andere, was die Unsicherheit vergrössere.

Und dennoch gibt es kaum eine Alternative für den Westen, als so gut wie möglich zu helfen. «Die politische Vernunft gebietet, die afrikanische Filiale von Al Kaida nicht auch noch durchzufüttern. Die christliche Nächstenliebe hingegen verpflichtet zum Gegenteil. Ein schier unlösbares Dilemma», schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» in einem Kommentar.

Spenden bei der Glückskette

Die Glückskette hat für die Opfer der Hungersnot in Ostafrka ein Spendenkoto eingerichtet. Mehr Informationen finden Sie hier.

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