Aktualisiert 23.04.2014 14:18

Taucher bergen Leichen«Der herzzerreissendste Job meines Lebens»

Die aus dem Innern der Fähre Sewol geborgenen Schüler weisen gebrochene Finger auf. Das sind die schrecklichen Beobachtungen der Bergungstaucher, die unermüdlich im Einsatz sind.

von
gux/SDA

Sie müssen durch dunkles, kaltes Wasser tauchen und mit den Händen nach den hunderten Leichen der Schüler tasten, die in den Kabinen und Korridoren der gesunkenen Fähre Sewol treiben. «Das ist der zermürbendste und herzzerreissendste Job meines Lebens», sagt Berufstaucher Hwang Dae-sik gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. «Wir sind darauf spezialisiert, in schwierigen Verhältnissen zu tauchen. Aber es ist schwer, mutig zu sein, wenn du im dunklen Wasser auf Leichen stösst.»

Die meisten der in den letzten zwei Tagen geborgenen Toten weisen gebrochene Finger auf – weil die Teenager panisch aus dem Innern zu fliehen versucht hatten und sich an Böden und Decken der immer stärker kippenden Fähre festkrallten.

Noch 150 Tote im Schiff vermutet

Angesichts solcher Albtraum-Bilder arbeiten die Bergungstaucher bis zur physischen und psychischen Erschöpfung. Jeweils eine Stunde lang durchforsten sie das Innere der riesigen Fähre – und müssen dabei auf spitze Gegenstände und Ecken acht geben, die ihre Luftzufuhr, die sie hinter sich herziehen, durchschneiden könnte. Nur wenige Taucher benutzen Sauerstoffflaschen. Denn diese versorgen die Rettungskräfte nur rund 20 Minuten lang mit Sauerstoff und sind darüber hinaus zu sperrig für diesen beengten Einsatz.

Bislang haben Taucher Hwang Dae-sik und sein Team 14 Tote bergen können. Ihre schreckliche Arbeit ist noch lange nicht getan: Weiterhin werden über 150 Menschen im Innern des Schiffes vermutet.

Per Lautsprecher Merkmale der Leichen verlesen

Die Fähre war am vergangenen Mittwoch mit 476 Menschen an Bord in der Nähe der Stadt Mokpo gekentert und gesunken. Bei den meistern Opfern handelt es sich um Schüler aus Ansan, die auf einem Ausflug zu der Ferieninsel Jeju waren.

Viele Familien harren seit Tagen am Hafen der Insel Jindo aus. Sie hoffen nicht länger auf ein Wunder, sondern wollen Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen und sie beisetzen. Per Lautsprecher wurden am Mittwoch Merkmale neu geborgener Leichen verlesen, die in zwei Zelte am Dock gebracht wurden.

Die Wut der Hinterbliebenen richtet sich vor allem auch gegen den Kapitän der Sewol. Er wurde mit zwei weiteren Crew-Mitgliedern unter dem Verdacht verhaftet, fahrlässig gehandelt und die Passagiere an Bord zurückgelassen zu haben. Sechs weitere Besatzungsmitglieder wurden am Montag und Dienstag festgenommen.

Bestimmte Geräte sollen nicht funktioniert haben

Vier der Crew-Mitglieder äusserten sich nach einer Gerichtsanhörung vor Reportern zur Katastrophe. Sie hätten versucht, das Kentern der Fähre früh aufzuhalten, doch «etliche Geräte, etwa das Ausgleichsgewicht, funktionierten nicht», sagten sie am Dienstag. Daher hätten sie die Notlage gemeldet und Rettungsboote auszuwerfen versucht, diese jedoch nicht erreicht, da die Fähre sich da schon zu stark zur Seite geneigt habe.

Präsidentin Park Geun Hye hat dem Kapitän und Teilen seiner Crew mörderisches Fehlverhalten vorgeworfen. Sie hätten das Schiff nicht evakuiert, seien selbst aber als Erste entkommen. Zudem wartete der Kapitän, nachdem die Fähre in Schieflage geraten war, eine halbe Stunde, bis er die Evakuierung anordnete.

Der Kapitän begründete sein Zaudern mit dem kalten Wetter und starker Strömung, die Passagiere vor ihrer Rettung fortgetrieben hätte. Doch Schifffahrtsexperten hielten dagegen, dass er die Fahrgäste auch ans Deck hätte beordern können, wo sie eine grössere Überlebenschance gehabt hätten.

Steuerprobleme als Ursache?

Ursache der Fährkatastrophe vor Südkorea könnte nach Einschätzung eines Experten ein Problem mit dem Steuer des Schiffs gewesen sein. Professor Kim Woo Sook von der Nationalen Schifffahrts-Universität in Mokpo bezog sich am Mittwoch auf Informationen der dritten Offizierin, die das Schiff zum Zeitpunkt des Unglücks kommandierte. Nach seinen Angaben sagte sie, sie habe eine Kurskorrektur um fünf Grad angeordnet. Tatsächlich sei das Steuer jedoch weiter umgeschlagen, und dem Steuermann sei es nicht gelungen, es zurückzudrehen. So sei es zu der 45-Grad-Wende des Schiffes gekommen, die in Datenaufzeichnungen erkennbar ist. Die Offizierin Park Han Gyeol war am Samstag wegen des Unfalls vom Mittwoch festgenommen worden, bei dem bis zu 300 Menschen ums Leben kamen. Die scharfe Wende der Fähre wird als mögliche Unfallursache untersucht. Kim führte in der Haftanstalt ein Gespräch mit Park, die er an der Schifffahrts-Universität selbst ausgebildet hatte. Die Offizierin ist erst 25 Jahre alt und hat kaum Berufserfahrung. (SDA)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.