Grippewelle: Der homöopathische Impfschwindel
Aktualisiert

GrippewelleDer homöopathische Impfschwindel

Nach der Schweinegrippehysterie stehen Grippeimpfungen in der Kritik. Derweil boomen «homöopathische Grippeimpfungen». Schulmediziner sind entsetzt.

von
Elisabeth Rizzi
Infuenzinum 9CH wird in Apotheken als «homöopathische Grippeimpfung» verkauft. (Bild: 20 Minuten Online/Elisabeth Rizzi)

Infuenzinum 9CH wird in Apotheken als «homöopathische Grippeimpfung» verkauft. (Bild: 20 Minuten Online/Elisabeth Rizzi)

Die Grippe ist derzeit in der ganzen Schweiz auf Vormarsch. Die Ärzte melden durchschnittlich 35,3 Grippeverdachtsfälle auf 1000 Konsultationen. Doch nach der Pandemie-Hysterie 2010 und den verbreiteten Nebenwirkungen der letztjährigen Grippeimpfung kehren viele der Schulmedizin den Rücken. Sogar das Spitalpersonal, das für die Krankheitsübertragung besonders sensibilisiert sein müsste, stellt sich quer. In den meisten Spitälern der Deutschschweiz liessen sich oft weniger als 15 Prozent des Personals impfen.

Derweil steht die andere Pandemie-Wunderwaffe – das Grippemittel Tamiflu – im Kreuzfeuer der Kritik. Vorwürfe, die Herstellerin Roche halte Forschungsergebnisse zurück, und Kritik an der Wirksamkeit des Medikaments haben die Verkäufe einbrechen lassen. Im vierten Quartal löste Roche mit Tamiflu bloss noch 50 Millionen Franken (Vorjahresquartal 1,2 Milliarden Franken). In den ersten neun Monaten 2010 waren die Umsätze um nahezu zwei Drittel auf 808 Millionen Franken abgesackt (Vorjahresumsatz 3,2 Milliarden Franken).

Alternativmedizin wird beliebter

Stattdessen erfreut sich die Alternativmedizin zunehmender Beliebtheit. Die Berg-Apotheke in Zürich ist kein Einzelfall. Hier wird unter dem Label «homöopathische Grippeimpfung» das Präparat Influenzinum 9CH des französischen Pharmaherstellers Boiron verkauft. Boiron ist weltweit Marktführer für homöopathische Medikamente.

Boiron verzeichnet mit seinen beiden Grippe-Präventionspräparaten Influenzinum 9CH und Oscillococcinum auch heuer Wachstum. «Während der letztjährigen Grippehysterie hatten wir bei diesen Produkten ein Umsatzplus von 42 Prozent. Dieses Jahr wachsen wir trotz Grippemüdigkeit noch gut 5 Prozent», sagt Direktor François Bégot. Influenzinum ist das fünftwichtigste Produkt in der Pipeline der Pharmafirma. Ein regelrechter Blockbuster ist Oscillococcinum, es trägt laut Geschäftsjahresbericht massgeblich zum Umsatzwachstum bei. Laut Bégot ist das Produkt hierzulande sieben- bis achtmal bedeutender als Influenzinum 9CH. In der Schweiz erwirtschaftete Boiron im Geschäftsjahr 2009 3,6 Millionen Euro (5,6 Millionen Franken). Der Gesamtumsatz der Gruppe weltweit belief sich auf 526 Millionen Euro (815 Millionen Franken).

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Schutzwirkung unbewiesen

Viele Ärzte sind entsetzt über den «Impfschwindel». «Die Anpreisung von homöopathischen Präparaten als ‚homöopathische Grippeimpfung' ist ein schwerwiegendes Problem», sagt Ueli Grüninger, Geschäftsführer des Kollegiums für Hausarztmedizin. Der Grund: Durch die extrem starke Verdünnung sei im homöopathischen Präparat kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr enthalten. «Deshalb ist die für eine wirksame Impfung erforderliche Auslösung der Produktion spezifischer Antikörper gar nicht möglich», warnt der für Alternativmedizin durchaus offene Ärztevertreter. Ein homöopathisches Mittel könne auf keinen Fall eine Grippeimpfung ersetzen. Überdies habe keine einzige der bisher durchgeführten Studien eine Schutzwirkung der beiden homöopathischen Grippepräparate nachweisen können.

Bei Boiron beeilt man sich zwar zu versichern, beide Produkte seien keine eigentliche Impfung, sondern nur Medikamente zur Grippevorbeugung. Doch diese Botschaft scheint nicht bei den Verkäufern angekommen zu sein: In der Bergapotheke Zürich sprechen die Verkäufer offiziell von einer Grippeimpfung. Und Inhaber Andreas Lehnherr betont sogar auf Anfrage: «Die normale Grippeimpfung hat immer Nebenwirkungen oder sie wirkt nicht. Mit der homöopathischen Impfung sind die Kunden dagegen sehr zufrieden.» Lehnherr empfiehlt die schulmedizinische Grippeimpfung nicht.

Für Grüninger unverständlich: «Hier steht viel auf dem Spiel. Denn durch die unzutreffende Anpreisung können Menschen von einer Grippeimpfung abgehalten werden, für die wegen ihres erhöhten Risikos nach offiziellen Empfehlungen eine Grippeimpfung dringend angezeigt ist», sagt er. Das wiederum sei gefährlich. Denn die Grippe und die damit verbundenen Komplikationen sei eine potenziell gefährliche Krankheit, an der in der Schweiz selbst in Jahren mit einer milden Grippesaison über 400 Personen sterben.

Stichwort Schweinegrippe-Virus

Wissenschaftler klassifizieren Grippe-Viren nach ihren Oberflächenproteinen. H steht dabei für Hämaggluttinin, N für Neuraminidase. Es gibt 16 verschiedene H-Typen und neun verschiedene N-Typen, wobei die Nummern nichts über die Schwere der Krankheit aussagen. Die Schweinegrippe hat den Virenstamm H1N1, die Vogelgrippe den Typ H5N1.

Der grösste Teil einer Virusoberfläche ist mit dem Eiweiss Hämagglutinin bedeckt. Das Protein ermöglicht Viren das Ankoppeln an die Zelle, in der schliesslich neue Grippeviren entstehen. Neuraminidasen sind Enzyme, die sich auf der Oberfläche von Influenzaviren befinden. Sie ermöglichen das Eindringen von Krankheitserregern in körpereigene Zellen. Diese viralen Enzyme schleusen dann auch von infizierten Zellen neu produzierte Viren aus der Zelle. (ap)

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