Strafgericht BL – «Ich hatte Angst, dass dieser Hund meine Nichte tötet»

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Strafgericht BL «Der Hund hat fast ihren Arm und ihr Bein abgerissen»

Nach einer lebensgefährlichen Hundebiss-Attacke muss sich die Halterin wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung und anderer Delikte verantworten. Ihr Verteidiger findet, die Frau könne man dafür nicht belangen.

von
Jeanne Dutoit
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In Tenniken attackierte im Juni 2019 eine Schäferhündin ein Kind und dessen Tante. 

In Tenniken attackierte im Juni 2019 eine Schäferhündin ein Kind und dessen Tante.

imago stock&people
Die Hundehalterin muss sich nun vor dem Strafgericht Muttenz verantworten. 

Die Hundehalterin muss sich nun vor dem Strafgericht Muttenz verantworten.

Steve Last
Die Halterin gab ihre schreckhafte Schäferhündin in die Obhut der Geschädigten, weil sie am besagten Tag ausser Haus war.

Die Halterin gab ihre schreckhafte Schäferhündin in die Obhut der Geschädigten, weil sie am besagten Tag ausser Haus war.

BL

Darum gehts

Am Dienstag sass eine Frau vor dem Strafrichter in Muttenz, weil sie ihre verhaltensauffällige Schäferhündin in die Obhut einer Freundin gegeben hatte. Weil sie ausser Haus war, bat sie die Kollegin, ihre Hündin in den Garten in Tenniken BL zu lassen, damit sie ihr Geschäft verrichten konnte. Das Dogsitting endete aber in einem Blutbad. Die Hündin tickte aus und verletzte die Bekannte der Beschuldigten und deren vierjährige Nichte schwer.

Am ersten Prozesstag machte die Beschuldigte von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch: Sie sagte während der ganzen Verhandlung kein einziges Wort. Auch gegenüber dem Opfer habe sich die Hundehalterin seit der Biss-Attacke wortkarg verhalten, dies schilderte das Opfer dem Gericht eindrücklich. Seit der Bissattacke im Sommer 2019 gehe es der Frau sowohl körperlich als auch mental schlecht. Eine Notoperation rettete ihr das Leben. «Sieht man die Bilder der Verletzungen, wird einem beinahe schlecht. Der Hund hat fast ihren Arm und ihr Bein abgerissen», so der Anwalt des Opfers.

Die Narben schmerzen noch heute, erzählte sie bei der Befragung. Auch wöchentliche Behandlungen beim Physiotherapeuten bringen keine Linderung. Der Schmerz im Arm sei «elektrisierend». Wenn sie ihr Bein zu lange belaste, fühle es sich manchmal an, als trage sie eine Fussfessel. Ausser einem kurzen Spaziergang seien sportliche Aktivitäten nicht mehr möglich, bei der Arbeit im Verkauf könne sie keine schweren Lasten hochheben, im Bett müsse sie auf Schmerzmittel zurückgreifen, um schlafen zu können, so die Frau unter Tränen.

Halterin entschuldigte sich nie bei Opfer

«Es gibt keinen Abend, an dem ich nicht am Vorfall rumstudiere. Mein Sicherheitsgefühl ist nicht mehr das Gleiche.» Entschuldigt habe sich die Halterin der Hündin und damalige gute Freundin nie. Auch habe sie sich nicht nach ihrem Gesundheitszustand erkundigt. «Leider», wie sie im Gericht betont.

Über den Angriff sagt sie: «Ich bin mir vorgekommen wie Hundespielzeug. Ich hatte das Gefühl, die Hündin wollte mich vom Kind runterreissen, dass ich versuchte zu schützen. Ich hatte Angst, dass dieser Hund meine Nichte tötet.» Der Kontakt zwischen den beiden Frauen sei nach dem Vorfall versandet.

Nebst dem Opfer wurde auch eine ehemalige Bekannte der Beschuldigten zur Verhandlung vorgeladen. Sie seien regelmässig mit ihren Hunden Gassi gegangen, erzählte die Frau. «Bis zu dem Tag, als die Schäferhündin unseren Hund gebissen und geschüttelt hatte. Wir wussten damals nicht, ob er seine Verletzungen überleben würde», so die Zeugin.

Beschuldigte verschwieg frühere Bissattacke

Den Vorfall habe ihr die Beschuldigte verschwiegen, so das Opfer der Bissattacke. «Hätte ich das gewusst, hätte ich weder meinen eigenen Hund und schon gar nicht meine Nichte mitgenommen, als ich für die Schäferhündin zuständig war», so die Frau.

Die Staatsanwältin fordert für die Hundebesitzerin eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten und eine Busse von 500 Franken, da die Hündin falsch gehalten wurde. Die Beschuldigte sei mit Schäferhunden aufgewachsen, habe mit der Rasse gezüchtet und diese gar zu Schutzhunden ausgebildet. Gutachter kamen zum Schluss, dass die Hündin ein Beiss-Training absolviert habe, was die Beschuldigte im Laufe der Ermittlungen jedoch bestritten hatte.

«Der Schäfer gehörte ausschliesslich in die Hände von Leuten, die ihn kennen und mit grossen Hunden umgehen können und das wusste die Beschuldigte», so die Staatanwältin. Aufgrund ihrer Nervosität würde sich der Hund nicht zum Züchten eignen, sagte die Halterin etwa während einer Befragung. Getraut habe sie ihrem eigenen Tier nicht, darum sperrte sie es bei Besuch oft in eine Hundebox. Der Anwalt des Opfers forderte zudem eine Genugtuung von 30’000 Franken für seine Mandantin und eine Summe von 20’000 Franken für die Nichte. Sie leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Der Verteidiger der Beschuldigten sieht in seiner Mandantin ein Bauernopfer und plädierte auf Freispruch. Bei der Beissattacke handle es sich um einen «tragischen Unfall, aber nicht um einen Kriminalfall». Das Verhalten des Hundes habe zu Verletzungen anderer Personen geführt. Die Beschuldigte verletzte jedoch keine strafrechtlich indizierte Sorgfaltspflicht und könne deswegen nicht bestraft werden. Der Auslöser der Beissattacke sei bis heute nicht bekannt, so der Verteidiger in seinem Plädoyer.

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