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Trotz Ramadan-EndeDer Hungerstreik in Guantánamo geht weiter

Der islamische Fastenmonat Ramadan ist vorbei, aber zum Feiern ist in Guantánamo niemandem zumute. Seit Anfang Februar herrscht in dem US-Gefangenenlager auf Kuba Hungerstreik.

Der Hungerstreik begann, nachdem Wächter bei Zelleninspektionen angeblich die Koranbücher einiger Insassen geschändet hatten. Die spontane Empörung wuchs sich zum Massenprotest gegen Willkürhaft aus, an dem zwischenzeitlich bis zu 108 Gefangene teilnahmen - also zwei Drittel aller Insassen. Auch während des Ramadans hielten unter der brütenden Karibiksonne 57 von ihnen durch.

«Dieser Hungerstreik ist von Länge und Ausmass her beispiellos», sagt Lagersprecher Robert Durand. «Sie wollen nicht mehr gefangen sein, das ist anders als bei früheren Hungerstreiks. 2005 und 2006 ging es ihnen um bessere Haftbedingungen.»

Streikbrecher sehen ihre Ziele erfüllt

Dass die Zahl der Hungerstreikenden inzwischen abgenommen hat, führt Durand nicht etwa auf körperliche Qualen durch Zwangsernährung über Nasenschläuche zurück, sondern auf politische Erfolge. «Sie haben den Präsidenten reden hören, ihre Rechtsanwälte haben vorgesprochen, und ein neuer Beauftragter (für die Schliessung Guantánamos) wurde ernannt.» Obwohl viele weiterhin ohne Anklage und Prozess auf unbestimmte Zeit festgehalten werden, glaubt Durand, dass die Streikbrecher ihre Ziele erfüllt sehen.

Zwar räumt auch Verteidiger David Remes ein, dass einige seiner 15 Mandanten offenbar damit zufrieden sind, ihren Argumenten Gehör verschafft zu haben. Der Hungerstreik habe neues Interesse auf das nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 errichtete Militärlager gelenkt und US-Präsident Barack Obama zum Handeln gedrängt.

Aber dieser Erfolg sei schmerzhaft erkauft worden: «Ich schätze, dass viele Männer der physischen und psychischen Belastung nicht mehr standhalten konnten.»

Zwangsernährung durch die Nase

Genau diese Belastung hat der Lagerinsasse Samir Nadschi al-Hasan Mokbel der «New York Times» geschildert: Auch er wurde wie rund 40 andere Gefangene regelmässig auf einem Stuhl festgeschnallt und bekam einen Schlauch in die Nase geschoben.

«Als er eingeführt wurde, kam der Brechreiz. Ich wollte mich übergeben, aber konnte nicht», berichtete der seit mehr als elf Jahren in Guantánamo festsitzende Häftling. «Ich hatte Schmerzen in Brust, Hals und Magen. Schmerzen, wie ich sie nie zuvor gespürt habe. Diese brutale Strafe wünsche ich niemandem.»

Die US-Streitkräfte bestreiten, dass Zwangsernährung schmerzhaft sei. Die meisten Hungerstreikenden, so die offizielle Lesart, würden entweder freiwillig wieder essen oder die Nasenschläuche einfach hinnehmen.

Weder Lagerauflösung noch Prozesse

Obama hatte während seiner ersten Amtszeit 2009 gelobt, das unter seinem Vorgänger George W. Bush errichtete Lager aufzulösen. Dies scheiterte bislang vor allem am Widerstand im Kongress. Denn Dutzende «unbefristete Häftlinge» hält das Verteidigungsministerium weiterhin für zu gefährlich, um sie freizulassen.

Die US-Behörden wollen sie aber auch nicht vor Gericht stellen, weil sie brutalen Verhörmethoden unterzogen wurden - etwa dem als Folter eingestuften Waterboarding, bei dem Betroffene das Gefühl haben zu ertrinken. Derart gewonnene Erkenntnisse dürfen vor Gericht nicht verwendet werden.

Der Hungerstreik veranlasste Obama im Mai, sein vier Jahre altes Versprechen zu erneuern und den Kongress dazu zu drängen, Prozesse gegen die restlichen Insassen vor US-Militärtribunalen zu ermöglichen. In einer vielbeachteten Rede hatte Obama gesagt, falls das Lager «in 10 oder 20 Jahren» noch bestehen sollte, werde die Geschichte «ein harsches Urteil» über die Verantwortlichen fällen. (sda)

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