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Beauty-Eingriffe«Der Hyaluron Pen ist eine Waffe»

Der Hyaluron Pen wird vielerorts zur Lippenvergrösserung eingesetzt. Eine Ärztin behandelt regelmässig Patientinnen, die Opfer davon wurden.

von
juu
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Viele Schweizer Kosmetikstudios werben derzeit mit dem Hyaluron Pen.

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Im Internet kann der Pen bereits für unter 100 Franken bestellt und so auch für die Selbstanwendung zu Hause genutzt werden.

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Doch der Pen ist alles andere als harmlos. Mehrere Ärzte warnen vor den Risiken der Pens.

Doch der Pen ist alles andere als harmlos. Mehrere Ärzte warnen vor den Risiken der Pens.

zVG

Frau Dr. Tabrizi*, was halten Sie von den Hyaluron Pens?

Gar nichts. Die Stifte sind ein Grauen. Ich selbst würde sie niemals in meiner Praxis verwenden, aber ich habe mehrere Patienten, die nach dem Eingriff zu mir kamen. Meistens, weil die Wirkung der Pens nach fünf bis sieben Tagen weg ist und sie keinen Unterschied sehen. In den ersten Tagen nach der Behandlung schauen sie aber aufgrund der Schwellung wie ein Monster aus. Es ist mir immer noch ein Rätsel, warum man so etwas machen lässt.

Kennen Sie auch Fälle, die nicht so glimpflich ausgingen?

Ja. Ich hatte kürzlich eine Patientin, die sich in einem Kosmetikstudio in der Deutschschweiz die Lippen hat machen lassen. Die 20-Jährige wollte sie nur dezent vergrössert haben, doch im Nachhinein kapselte sich das Hyaluron immer mehr in der Lippe ab und die Lippe fühlte sich schmerzhaft an. Kurze Zeit später meldete sie sich erneut beim Kosmetiksalon. Die Antwort: Sie müsse Geduld haben und noch warten.

Nach 14 Tagen rief sie mich in der Praxis an und kam vorbei. Das Resultat: Das Hyaluron in ihrer Oberlippe hatte sich an einer Stelle gesammelt und abgekapselt. Es kam zu einer Abwehrreaktion in der Lippe, diese fühlte sich warm und entzündet an.

Meine Aufgabe war es dann, die Lippen der jungen Frau zu betäuben und ihr ein Enzym zu spritzen, welches das Hyaluron auflöst und gleichzeitig noch eine Antibiotikatherapie zu machen. Die Nachbehandlung hat im Schnitt das Sechsfache gekostet, als wenn sie gleich zu einem Arzt gegangen wäre.

Der Pen sieht so harmlos aus. Ist das Beauty-Gadget wirklich so gefährlich?

Auf jeden Fall. Es gibt unglaublich viele Risiken, die nach einer Behandlung mit dem Hyaluron Pen auftreten können. Angefangen mit Infektionen, beispielsweise durch mangelnde Hygienevorschriften, bis hin zu Narben und Nekrosen. Das bedeutet, dass das Gewebe irreparabel geschädigt wird und abstirbt.

Zudem lässt sich mit der Apparatur schwer abschätzen, wie viel Hyaluron man injiziert. Vor allem Laien haben dafür kein Augenmass. So kann es schnell passieren, dass man zu viel Volumen in den Lippen hat. Irgendwann weicht der Druck auf die Gefässe aus, lässt sie innerhalb der Lippe platzen und verursacht Schmerzen oder es entstehen Gefässveränderungen um die Lippe, die man dann Lasern muss.

Was halten Sie davon, dass man den Pen mittlerweile für unter 100 Franken im Internet bestellen kann?

Ich bin ehrlich gesagt schockiert. So kann sich jeder Teenager den Hyaluron Pen für zu Hause bestellen. Die Ausmasse wären gravierend. Man braucht fundierte Kenntnisse in Anatomie, um eine solche Behandlung durchführen zu können. Auch wenn der Pen damit wirbt, Nadelfrei zu sein, ist das in der Realität nicht der Fall. Im Inneren sind sogenannte «microneedles» verbaut, die durch den Druck in die Hautschicht geschossen werden und so die Injektion von Hyaluron ermöglichen. Diese verursachen kleine Blutungen. Wird der Pen einfach weitergereicht, kann es zu schwerwiegenden Infektionen wie HIV oder Hepatitis kommen.

Ich hoffe, dass es bald ein entsprechendes Gesetz gibt, das die Hyaluron Pens vom Markt nimmt. In den Händen von Jugendlichen ist der Pen eigentlich eine Waffe. Zu so einer Entscheidung gehört eine adäquate Beratung. Wer «to-go» bestellt sieht irgendwann «to-go» aus, dabei haben wir nur ein Gesicht! Ästhetik kann man nicht als «to-go» bestellen.

*Dr. Roshanak Daneshzadeh Tabrizi ist Spezialistin für ästhetische Medizin und Fachärztin Radiologie. Sie leitet die Privatpraxis Swiss Medical Aesthetics in Zürich.

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