Aktualisiert 07.02.2011 09:40

Machtwechsel in Ägypten

Der Iran in Lauerstellung

Ängste vor einer islamischen Revolution in Ägypten sind abwegig. Hingegen unterhalten alle demokratisch gewählten Regierungen in der Region enge Beziehungen zum Iran.

von
kri
Demonstranten in der iranischen Hauptstadt Teheran fordern am Freitag, 4. Februar die Absetzung des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak.

Demonstranten in der iranischen Hauptstadt Teheran fordern am Freitag, 4. Februar die Absetzung des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak.

Während der Westen in Ägypten seine Felle davonschwimmen sieht, herrscht im Iran eitle Freude über den bevorstehenden Abgang Hosni Mubaraks. Der oberste Führer Ali Chamenei spricht von einem «islamischen Erwachen» und sieht Nordafrika im Aufbruch in ein neues Zeitalter. Westliche Ängste über Parallelen zur iranischen Revolution von 1979, als ein Volksaufstand den despotischen, aber pro-westlichen Schah vertrieben hatte, dürften ihn in dieser Wahrnehmung bestätigen. Sinnigerweise glaubt auch die iranische Opposition, die ägyptischen Proteste seien vom Iran inspiriert. Ihr Anführer Mir Hossein Mousavi denkt dabei aber eher an die Massenproteste nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009.

Weder der eine noch der andere Vergleich trifft den Kern der ägyptischen Unruhen. Eine Machtergreifung der Islamisten ist wenig wahrscheinlich, dafür fehlen ihnen der Rückhalt in der Bevölkerung und ein charismatischer Anführer wie Ajatollah Chomeini. Ebenso abwegig ist, dass sich die Jugend an einem fehlgeschlagenen, eineinhalb Jahre und 2000 Kilometer entfernten Aufstand orientiert. Wenn überhaupt, sollte den USA und Europa eine andere Parallele Sorgen machen.

Freundliche Demokraten, feindliche Diktatoren

Fakt ist, dass alle Länder im Nahen Osten, in denen demokratisch gewählte Regierungen am Werk sind, mehr oder weniger enge Beziehungen zum Iran unterhalten – ausser Israel. Das gilt für den Irak, Libanon, die Türkei und in gewissem Sinn auch für den Gazastreifen. Nie war das Verhältnis zwischen der Türkei und Iran besser, seit dort die islamisch orientierte AKP an der Macht ist. Über ihre Verbündeten von der Hisbollah und Hamas nimmt Iran Einfluss auf die Geschicke Libanons und Gazas. Und die derzeitige irakische Führung setzt sich aus Personen zusammen, die Jahre im iranischen Exil verbracht hatten.

Fakt ist ebenfalls, dass die Regierungen der meisten anderen Länder dem Iran feindlich gegenüber stehen, etwa Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Jordanien. Ausser Ägypten und Jordanien haben sie zwar Israel nicht anerkannt, doch gelten sie als treue Verbündete der USA. Ihre Armeen werden von Washington hochgerüstet, im Gegenzug dulden sie amerikanische Militärstützpunkte auf ihrem Territorium – ein besonderer Dorn in den Augen vieler Araber.

Wahltag ist Zahltag

Iran hat seit der Revolution 1979 unablässig in sein Image auf der arabischen Strasse investiert und will nun die Früchte seiner Arbeit ernten. Jahrelange Propaganda gegen Israel und die USA sowie für die Palästinenser haben das Land auf Konfrontationskurs mit den pro-westlichen arabischen Diktatoren geführt, bei den einfachen Leuten aber Sympathien hervorgerufen.

Hosni Mubarak war sich dieser Kluft zu seinem Volk offenbar sehr bewusst: Laut einer von Wikileaks veröffentlichten Depesche der amerikanischen Botschaft in Kairo soll er den USA 2008 beschieden haben, Sanktionen seien der beste Ansatz gegen den Iran, aber «arabische Staaten würden es nicht wagen, sie mitzutragen». Mit dem Umsturz in Tunesien und der absehbaren Wachablösung in Ägypten öffnen sich für Iran nun erstmals Möglichkeiten, ihren traditionell starken Einfluss im schiitisch geprägten Mittleren Osten auf das sunnitische Nordafrika auszudehnen.

Die israelische Tageszeitung «Haaretz» sinnierte kürzlich in einem Editorial, ob Israel nur mit Diktatoren Frieden schliessen könne. Ebenso könnte sie fragen, warum jedes Land in der Region, das seine Regierung demokratisch wählt, von den USA weg und in die Nähe des Erzfeindes Iran rückt.

Ägypten ist im Moment das einzige arabische Land, in dem der Iran keine Botschaft unterhält. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass diese Lücke bald geschlossen wird.

Gespanntes Verhältnis

Die Beziehungen zwischen Iran und Ägypten sind seit der iranischen Revolution 1979 angespannt. Ajatollah Chomeini brach nach seiner Machtübernahme die diplomatischen Beziehungen zu Ägypten ab, das kurz zuvor Frieden mit Israel geschlossen hatte und ein enger Verbündeter der USA war. Hosni Mubaraks Vorgänger Anwar Sadat pflegte freundschaftliche Beziehungen zum Schah und gewährte diesem in Ägypten Asyl, nachdem er den Iran verlassen musste. Mohammad Reza Pahlawi verstarb auf ägyptischem Boden und liegt bis heute in Kairo begraben. Lange Zeit war eine Strasse in Teheran nach Chalid Islambuli benannt, der Sadat 1980 ermordet hatte. Nach einer kurzen Tauwetterphase verschlechterten sich die Beziehungen angesichts des Gazakriegs 2008/2009 (Operation gegossenes Blei) wieder. Gemäss einer von Wikileaks veröffentlichten Botschaftsdepesche bezeichnete Mubarak die iranische Führung damals als «grosse, fette Lügner».

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