Aktualisiert 22.04.2011 10:21

IranDer Iran sucht sich neue Feinde

Die iranische Regierung hat mehrere oppositionelle Regimekritiker verhaftet. Jetzt hat sie noch weitere Gegner gefunden: Hunde und Hundehalter.

von
ske
Schosshündchen wurden auch im Iran als Accessoire immer beliebter.

Schosshündchen wurden auch im Iran als Accessoire immer beliebter.

Richtig beliebt waren Hunde im Iran bisher nie. Während periodisch stattfindenden Razzien hat die Polizei immer wieder Hunde direkt auf der Strasse konfisziert. Und staatliche Medien berichteten in regelmässigen Abständen, dass Hunde Seuchen verbreiten. Da aber zahlreiche Praktiken – wie zum Beispiel der Alkoholkonsum – bei den Mullahs weitaus verpönter waren, wurde das unislamische Laster des Hundehaltens in den vergangenen Jahren toleriert.

Doch mit dieser taktischen Akzeptanz könnte es bald vorbei sein, schreibt «The Time». Dem Parlament in Teheran wurde ein Gesetz vorgelegt, welches den Besitz von Hunden kriminalisieren soll. Im Islam gelten Hunde als unsauber. In den vergangenen Jahrhunderten waren die Tiere nur in ländlichen Gebieten für Schäfer und Bauern wichtig, einzelne Witwen hielten sich später kleinere Hunde als Gesellschafter.

Fröhliche Kinder und Hunde im Park

Mit dem Aufkommen einer urbanen Mittelschicht habe sich dies in den vergangenen 15 Jahren aber geändert. Diese neue Schicht versuche, die westliche Kultur nachzuahmen. Durch Satelliten-TV erreichen Bilder aus westlichen Filmen das iranische Volk, in denen fröhliche Kinder mit ihren Hunden in Parks herumtollen. Schosshündchen seien inzwischen zur direkten Konkurrenz für Designer-Sonnenbrille geworden. Die höhere Mittelklasse habe nur auf ein neues Accessoire gewartet. «Globale Normen und Werte gewinnen die Herzen von Menschen auf der ganzen Welt und der Iran ist hier keine Ausnahme», zitiert «The Times» den iranischen Journalisten Omid Memarian, der sich auf Menschenrechte spezialisiert hatte.

Dass Hunde unter einer bestimmten jungen, gebildeten, urbanen und von der islamischen Regierung frustrierten Schicht akzeptiert werden, sorgt im islamischen Regime für Unruhe. Für die Regierung Irans sei der Besitz von Hunden ein rebellischer Akt und mit dem Tragen einer Vokuhila-Frisur vergleichbar. Der Gesetzesentwurf, der Hunde verbieten will, warnt deshalb nicht nur, dass der Besitz von Hunden die öffentliche Gesundheit gefährde, sondern zusätzlich «ein kulturelles Problem und eine blinde Nachahmung der vulgären Kultur des Westens ist.»

Kontrolle über private Aktivitäten

Nachdem die umstrittene Wahl des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad im Jahr 2009 zu den grössten Massendemonstrationen seit 1979 geführt hatte, hat die Regierung die Kontrolle über private Aktivitäten der Iraner ausgeweitet. Dass jetzt auch Hunde verboten werden sollen, sei in diesem Zusammenhang zu sehen, sagt Hadi Ghaemi, der Direktor der International Campaign for Human Rights in Iran: «Solche Versuche sind zweifellos vom Wunsch motiviert, Kritik und Proteste zu unterdrücken, sogar durch symbolische individuelle Entscheidungen, welche nicht ins offizielle sanktionierte Leben passen.»

Komme das Gesetz durch, würden Polizei und freiwillige Milizen das Hundeverbot systematisch durchsetzen und alle Tiere einziehen. Viele derjenigen, die Hunde besitzen, haben mit Inflation und Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Sie seien wohl kaum bereit, für ihre Hunde zu kämpfen und würden dadurch weiter zermürbt. Was mit den Hunden schliesslich geschehe, sei bislang unklar. Vermutlich würden sie das Schicksal der zahlreichen Strassenhunden teilen, welche von der Regierung regelmässig von der Strasse entfernt werden.

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