Währung auf Talfahrt: Der Iran und die Ablenkungsrakete
Aktualisiert

Währung auf TalfahrtDer Iran und die Ablenkungsrakete

Der Iran hat militärisch die Muskeln spielen lassen. Die Kraftmeierei soll von den wirtschaftlichen Problemen ablenken, denn die Sanktionen des Westens greifen immer stärker.

von
pbl
Ein Geldwechsler in Teheran tauscht Rial gegen Dollar. Inzwischen nehmen manche Büros laut Medienberichten die heimische Währung wegen des Kurszerfalls nicht mehr an.

Ein Geldwechsler in Teheran tauscht Rial gegen Dollar. Inzwischen nehmen manche Büros laut Medienberichten die heimische Währung wegen des Kurszerfalls nicht mehr an.

Nach der Verabschiedung neuer Sanktionen gegen den Iran ist die Landeswährung gegenüber dem Dollar auf ein Rekordtief gesunken. Am Montag kostete ein Dollar nach Angaben des staatlichen Radios 16 800 iranische Rial. Das war ein Absturz um zehn Prozent seit dem vergangenen Donnerstag, als der Dollar bei 15 200 Rial notierte.

Die iranische Zentralbank, die sich seit Monaten bemüht, den Wechselkurs bei 11 000 Rial zu halten, wurde in den Medien scharf kritisiert. Das staatliche Fernsehen beschuldigte Zentralbank-Gouverneur Mahmud Bahmani, bei der Verteidigung der iranischen Währung «gescheitert» zu sein. Das Parlament berief eine Dringlichkeitssitzung hinter verschlossenen Türen mit Bahmani und Wirtschaftsminister Schamseddin Hosseini ein.

Sanktionen gegen Zentralbank

Am Samstag hatte US-Präsident Barack Obama den Verteidigungshaushalt unterzeichnet, der unter anderem weitere Sanktionen gegen den Iran wegen dessen umstrittenem Atomprogramm vorsieht. Ausländischen Kreditinstituten, die Beziehungen zur iranischen Zentralbank unterhalten, sollen geschäftliche Aktivitäten in den USA untersagt werden.

Obama hatte diese von den Republikanern durchgesetzten Verschärfungen nur widerwillig akzeptiert. Negativfolgen eines solchen Schrittes könnten sprunghaft steigende Ölpreise sein – mit unkalkulierbaren Folgen für die Weltwirtschaft. Zudem könnte das Vorpreschen andere Staaten wie China und Russland verprellen. Obama braucht deren Zustimmung im UNO-Sicherheitsrat für weitere Massnahmen gegen Teheran.

Regierung spielt Problem herunter

Doch die Talfahrt des Rial ist ein Indiz dafür, dass die in den letzten Jahren von UNO, EU und USA laufend verschärften Sanktionen die iranische Wirtschaft immer stärker treffen. Die Inflationsrate beträgt amtlichen Angaben zufolge fast 20 Prozent, liegt in Wirklichkeit aber wohl noch um einiges höher. So sind die Preise für Grundnahrungsmittel laut der Nachrichtenagentur Reuters in den letzten Monaten um bis zu 40 Prozent gestiegen.

Offiziell spielt die Regierung die Sanktionen und ihre Folgen herunter. Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad machte in einer vom Fernsehen übertragenen Rede für den Rial-Kurssturz Spekulanten verantwortlich, die sich «auf Kosten des Volks die Taschen vollstopfen» wollten. Es gebe jedoch keinen Grund zur Besorgnis, die iranische Wirtschaft sei stabil. Der Präsident forderte die Bevölkerung auf, Ruhe zu bewahren.

Flucht in sichere Werte

Davon kann laut Medienberichten keine Rede sein. Immer mehr Iraner versuchen offenbar, ihre Ersparnisse zu retten. Sie investieren in «sichere» Werte, etwa Immobilien. Deren Preise sind gemäss der Nachrichtenagentur Mehr in den letzten Wochen um 20 Prozent gestiegen. Oder sie versuchen, Dollars zu kaufen, die Währung von «Erzfeind» Amerika. Allerdings nehmen viele Wechselbüros in Teheran gar keine Rial mehr an, weil «sich der Kurs im Sekundentakt ändert», so ein Geldwechsler gegenüber Reuters.

Die militärischen Manöver und Raketentests der letzten Tage werden von Experten denn auch als Versuch interpretiert, von den wirtschaftlichen Problemen abzulenken. Diese könnten sich bald weiter verschärfen. Der französische Aussenminister Alain Juppé forderte die EU-Staaten am Dienstag in einem Fernsehinterview auf, die US-Sanktionen gegen die iranische Zentralbank bis Ende Januar ebenfalls umzusetzen. Er habe «keinen Zweifel» daran, dass der Iran die Entwicklung von Atomwaffen vorantreibe, erklärte Juppé.

Wachsender Unmut

«Innerhalb der Regierung gibt es keine Einigkeit, wie man das Problem lösen soll», sagte ein prominenter, namentlich nicht genannter iranischer Ökonom der «Washington Post». Die Märkte hätten deshalb «jegliches Vertrauen verloren». Dies birgt Zündstoff für das Regime. Als Beispiel für den wachsenden Unmut zitierte die «Washington Post» Mehrdad Allahyari, einen IT-Ingenieur, der sein Motorrad veräussern will, um mit dem Erlös Dollars zu kaufen. «Mein Traum war einmal, einen BMW zu besitzen, doch nun zerstören unsere Führer sogar dies.» (pbl/dapd)

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