Aktualisiert 29.12.2008 13:36

Presseschau«Der (Irr-)Glaube an die Armee ist allmächtig»

Israels Militäraktion in Gaza erinnert die Kommentatoren der internationalen Medien an das Desaster des Libanon-Kriegs 2006. Die Unterstützung für Hamas könnte zunehmen und der grosse Gewinner Iran heissen.

von
Peter Blunschi

«Einiges an dieser grossangelegten militärischen Vergeltungsaktion erinnert an den fatalen Libanon-Krieg im Sommer 2006», schreibt die «Neue Zürcher Zeitung». Dieser gelte im Rückblick «selbst in israelischen Augen als Desaster», betont die «Basler Zeitung». Für den Berner «Bund» ist deshalb klar: «Auch hier gibt es Hunderte von Toten, auch hier wird Israel seine Ziele nicht erreichen, und Hamas wird, wie einst die Hisbollah, gestärkt aus dem israelischen Stahlgewitter herauskommen.»

Selbst die israelfreundliche «New York Times» zweifelt daran, dass es der Armee gelingen wird, ihre im Libanon verlorene Abschreckungskraft zurückzugewinnen. Noch seien Regierung und Militär mit dem Verlauf der Operation zufrieden. «Wenige beachten die Tatsache, dass zu Beginn des Libanon-Kriegs 2006 die gleiche Zufriedenheit herrschte – ehe sich das Desaster entwickelte». In Israel sei «der (Irr-)Glaube an die Armee allmächtig» und laufe «quer durch alle Bevölkerungsschichten», so der Kommentar in der «Süddeutschen Zeitung». Das Militär solle richten, was die Politik nicht schaffe: Ruhe stiften. «Doch die massiven israelischen Vergeltungsschläge werden nur Unruhe auslösen.»

«So imponierend die Militäroffensive im Gazastreifen erscheinen will, sie offenbart nicht die Stärke, sondern die Schwäche Israels», meint der «Tages Anzeiger». Mehr denn je brauche das Land internationale Hilfe, «um aus dieser selbstverschuldeten Krise zu finden». Auch für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» ist klar: «Wenn es nicht bald gelingt, erfolgreich und dauerhaft zwischen Israel und der Hamas zu vermitteln, steht dem Nahen Osten ein neues blutiges Jahr bevor.» Ein stärkeres internationales Engagement sei gefragt, schreibt die Zeitung und hofft auf Barack Obama. Er verstehe die Region vielleicht besser als George W. Bush, «dem der Orient immer eine zutiefst verschlossene Welt geblieben ist».

Andere Blätter sind weniger optimistisch. Israel habe kaum eine andere Wahl gehabt, als auf die Angriffe von Hamas zu antworten, meint die konservative Londoner «Times». Doch sein tödliches Vorgehen «zerstört die Hoffnungen auf den bereits angeschlagenen Nahost-Friedensplan». Auch für den liberalen «Guardian» hat Israels Vorgehen nichts anderes bewirkt als die Lähmung jenes Prozesses, «den Israelis und Palästinenser brauchen, um in Frieden zu überleben». Die Unterstützung für Hamas könnte als Folge der Luftschläge noch zunehmen. Auch der Analyst der «BBC» glaubt, dass die Palästinenser unter Beschuss ihre Differenzen überwinden und sich «gegen den gemeinsamen Feind» vereinigen könnten.

Die «Washington Post» sieht vor allem einen Gewinner: Iran. Während Wochen, vielleicht sogar Monaten würden sich alle Augen auf Gaza richten und weg vom iranischen Atomprogramm. Weshalb die US-Zeitung deutliche Kritik übt: «Israel hätte vielleicht den Kampf vermeiden und einen diplomatischen Vorteil erringen können, wenn es die Wirtschaftsblockade gelockert hätte.» Nun werde es in einen kostspieligen Kampf verwickelt, der letztlich eine Ablenkung von seiner ernsthaftesten Bedrohung darstelle.

In israelischen Medien gibt es bislang kaum Kritik am Vorgehen von Regierung und Armee. «Hamas muss gestoppt werden, und die zivilisierte Welt muss dabei helfen», schreibt etwa die konservative «Jerusalem Post». Zu den wenigen Ausnahmen gehört der Historiker Tom Segev in der «Haaretz». Er erinnert an das Wurzel des Problems: «Seit Anbeginn der zionistischen Präsenz im Land Israel hat keine militärische Operation jemals den Dialog mit den Palästinensern vorangebracht.» Dabei gebe es Wege, mit Hamas zu reden, und Israel habe der Organisation etwas anzubieten: «Ein Ende der Belagerung von Gaza und Bewegungsfreiheit zwischen Gaza und der Westbank könnten den Streifen wiederbeleben.»

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