19.09.2015 06:15

Islamismus«Der IS ist ein Stück weit Jugendkultur»

«Wer früher provozieren wollte, wurde Punk. Heute geht er zum IS.» Diese Aussage stammt von Politologe Peter Neumann.

von
ofi
Für junge Menschen kann der IS eine Form der Rebellion sein: Islamismus als Jugendkultur.

Für junge Menschen kann der IS eine Form der Rebellion sein: Islamismus als Jugendkultur.

Peter Neumann ist Politikwissenschaftler und Leiter des International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence am Kings College in London. Sein Job ist es, Islamisten, die aus Europa zur Terrormiliz Islamischer Staat gereist sind, aufzuspüren. Dazu nutzt er mit seinem Team in erster Linie Facebook, Twitter und Instagram. Und er hat mit zahlreichen Islamisten Kontakt über Skype und WhatsApp.

So hat Neumann ein Netzwerk angelegt und Daten über 700 europäische Jihadisten angelegt, wie er in einem Interview mit der «Zeit» sagt. Dank diesen Daten hat sein Team zum Beispiel zwei radikale Prediger entdeckt, die über 60 Prozent der europäischen Auslandskämpfer auf einem oder mehreren Social-Media-Kanälen verfolgten, mit ihnen interagierten oder deren Posts likten. «Deren Namen hatte vorher noch nie jemand gehört», so Neumann.

Längst nicht alle sind perspektivlose Jugendliche

Mit rund 100 Kämpfern habe er direkten Kontakt, mit manchen davon seit 14, 15 Monaten. «Wir haben hunderte von Stunden mit ihnen gesprochen. Da entsteht ein Vertrauensverhältnis», erzählt der von der Bild-Zeitung IS-Jäger Nr. 1 genannte Deutsche. Da beginne mancher schon auch zu erzählen: «Gut, es ist doch nicht alles toll.»

Neumann kennt dadurch die Persönlichkeitsprofile der Jihad-Reisenden sehr genau: «Der islamistische Terrorismus ist eine Jugendkultur.» Längst nicht alle sind perspektivlose Jugendliche aus Vorstädten. Das möge für Deutschland und Frankreich grösstenteils stimmen, so Neumann, in England seien aber sehr viele Studenten dabei. «Universitäten sind klassische Rekrutierungsorte für Islamisten.» Man ist in einer neuen Stadt, an einer neuen Schule, kennt niemanden und wird primär als Muslim wahrgenommen. Da sei es schnell attraktiv, wenn jemand auf einen zukomme: «Ich verstehe genau, wie es dir geht, komm mal vorbei, wir trinken Tee und diskutieren.»

Viele Kämpfer sind jung, Anfang bis Mitte zwanzig. Das sei ein Alter für rebellische Phasen, so Neumann. «Und was ist das Verrückteste, was du heute machen kannst? Womit du alle Autoritäten gegen dich aufbringst? Vor 30 Jahren wärst du vielleicht Punk geworden, vor 20 Jahren Neonazi, heute wirst du Islamist.»

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