Aktualisiert 10.08.2017 15:31

Reportage vor Mosul «Der IS sagte, die Kurden würden uns köpfen»

An der kurdischen Frontlinie bei der Kleinstadt Bashiqa kommen immer mehr Flüchtlinge aus Mosul an. 20 Minuten war da, 15 Kilometer vor der Millionenstadt.

von
Ann Guenter

15. November, an der Bashiqa-Frontlinie der Kurden: Sie kommen in kleinen Gruppen über die weite Ebene. Einige mit Autos, andere zu Fuss, alle aus Richtung Mosul, das rund 15 Kilometer entfernt ist und dessen Aussenbezirke von der Frontlinie bei der Kleinstadt Bashiqa mit dem Feldstecher knapp zu erkennen sind. Sogar die Druckwellen der Luftschläge sind manchmal spürbar, immer wieder Salven von Duschka-Maschinengewehren zu hören. Am Abend und am frühen Morgen sind die Kämpfe am intensivsten.

Aber auf die Kriegsgeräusche hinter ihnen achten die Flüchtlinge aus Mosul und Umgebung kaum mehr. Sie sind froh, den Weg über die mit Minen gespickte Ebene heil überstanden zu haben. Die meisten tragen weisse Fahnen mit sich. Und ihr halbes Hab und Gut. Schäfer treiben ihre Herden vor sich her: Ein solches Vermögen lässt keiner zurück. Immer wieder sind am Horizont neue Grüppchen und kleine Autokarawanen auszumachen. So geht es bereits seit vier Tagen. Es hat sich in Mosul und den umliegenden Dörfern offenbar herumgesprochen, dass anderen die Flucht Richtung Nordwesten in die Autonome Region Kurdistan gelungen ist. «Der IS sagte uns, die Kurden würden uns köpfen, wenn wir in ihre Richtung fliehen», erzählt ein Mann. «Doch ich wusste, dass das nicht stimmt. Mein Bruder war bereits Tage zuvor geflohen und sagte mir am Telefon, dass er hier gut aufgenommen worden sei. Also riskierten wir es.»

1 / 31
Auf der Höhe des von den Kurden befreiten Dorfes Omar Qamshi an der Frontlinie von Bashiqa: Die Menschen aus Mosul und Umgebung flüchten mit weissen Fahnen über die weite Ebene zu den Kurdenstellungen.

Auf der Höhe des von den Kurden befreiten Dorfes Omar Qamshi an der Frontlinie von Bashiqa: Die Menschen aus Mosul und Umgebung flüchten mit weissen Fahnen über die weite Ebene zu den Kurdenstellungen.

Ann Guenter/20 Minuten
Dutzende kommen in der Dunkelheit an.

Dutzende kommen in der Dunkelheit an.

Ann Guenter/20 Minuten
Doch die Peshmerga lassen sie noch nicht über den Graben hinter ihre Stellungen. Zu gross ist die Angst, dass sich IS-Selbstmordattentäter unter die Flüchtlinge mischten. Vier Metallstangen dienen als Brücke, um den Leuten etwas Wasser zu bringen. Viele haben seit Stunden, andere sogar seit Beginn der Offensive auf Mosul nichts mehr gegessen.

Doch die Peshmerga lassen sie noch nicht über den Graben hinter ihre Stellungen. Zu gross ist die Angst, dass sich IS-Selbstmordattentäter unter die Flüchtlinge mischten. Vier Metallstangen dienen als Brücke, um den Leuten etwas Wasser zu bringen. Viele haben seit Stunden, andere sogar seit Beginn der Offensive auf Mosul nichts mehr gegessen.

Ann Guenter/20 Minuten

Nur eine Familie darf auf die Seite der Peshmergas

Der Mann, Fadel (38), hat vier kleine Töchter und seine Frau dabei. Mitten in der Nacht kamen sie über die Ebene – gefolgt von Hunderten weiterer. Die kleine Familie aber ist die einzige, die in dieser Nacht auf der Höhe des Dorfes Omar Qamshi über den Erdwall der Peshmerga klettern und ihre Decken neben einer der vielen Feuerbasen ausbreiten darf. Die anderen Flüchtlinge müssen sich auf der Ebene einrichten, ein Graben trennt sie von den Peshmergas hinter dem Wall. «Die Peshmergas dachten, wir seien die Einzigen, die in der Nacht ankommen würden, deswegen liessen sie uns durch», sagt Fadel.

Es ist eiskalt, seine kleinen Töchter kuscheln sich am Boden frierend aneinander. Dennoch zieht der Vater ihnen immer wieder die Decke weg: Er will zeigen, dass von ihm und den Seinen keine Gefahr ausgeht, dass er kein fanatischer IS-Kämpfer ist, der nur darauf wartet, einen Sprengstoffgürtel zu zünden. Davor haben die kurdischen Milizsoldaten am meisten Angst. Dass sich die Extremisten aus Mosul unter die Flüchtlinge schleusen und dann bei den Peshmerga-Stellungen in die Luft sprengen. Bislang sei das noch nicht vorgekommen, «Inschallah», sagen die Soldaten.

Hat die kleine Familie alles, was sie braucht? «Alles, alles, wir sind so dankbar. Und morgen will ich diesen Bart abrasieren», sagt der Vater mit Tränen in den Augen. Er und seine Liebsten sind jetzt das, was die Hilfsorganisationen IDPs nennen: Internally Displaced Persons, Flüchtlinge im eigenen Land.

Ein erstes IS-Ausschlussverfahren

Wie viele von ihnen allein in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag (12./13.11.) hier ankamen, zeigt sich am nächsten Morgen. Es müssen um die Tausend sein. Viele sind Angehörige der Glaubensgemeinschaft der Schabaken und stammen aus dem Mosuler Vorort Bawizah. Einige haben Blachen zwischen den Autos gespannt, andere sitzen um Feuer herum oder liegen eingemummt in Decken am Boden. Es dauert nicht lange und die Eiseskälte der Nacht wird Temperaturen um die 30 Grad weichen. Stimmengewirr, Kindergeschrei, Schafsgeblöke – das ganze Treiben beobachten Peshmergas von der anderen Seite des Grabens aus. Noch immer dürfen die Flüchtlinge diesen nicht überqueren. Viele Peshmergas fassen sich ein Herz und werfen den Kindern Schoggiriegel hinüber, ein Gelächter und Geraufe auf der anderen Seite.

Erst am späteren Nachmittag schaufelt ein Bagger einen etwa zwei Meter breiten Übergang zu, dann dürfen die IDPs auf die andere Seite. Peshmergas durchsuchen flüchtig Fahrzeuge, verlangen Ausweispapiere, machen Fotos, wenn diese fehlen. Ein erstes IS-Ausschlussverfahren. Genauere Befragungen durch den kurdischen Geheimdienst Asayish würden in Screeningbüros im Lager Nargazhiya bei Shekan stattfinden, heisst es. Während am Horizont Rauchsäulen der Luftschläge über Mosul aufsteigen, sind die Flüchtlinge jetzt offiziell in der KRG Kurdistan angekommen. «Choni Bashi, wie gehts es», rufen die Peshmergas ihnen auf Kurdisch zu. «As-salmu alaykum, Friede möge mit euch sein», rufen diese auf Arabisch zurück.

Noch ist ihre Reise nicht zu Ende. Die meisten machen sich zu Fuss auf Richtung Shekan, wo extra Lager für Flüchtlinge aus Mosul eingerichtet wurden. Diesen sicher 20 Kilometer entfernten Ort zu Fuss zu erreichen, muss Stunden dauern. Eine Tortur für Kleinkinder und Alte. Die, die einen Wagen haben, laden so viele Personen auf, wie es nur geht. Auch einige Peshmergas fahren einige Ankommende. Von den grossen Hilfsorganisationen wie dem UNHCR fehlt zu dieser Zeit jede Spur: Ihre teuren Autos, vollgepanzert und mit den teuersten Kommunikationsanlagen ausgerüstet, sind nicht hier an dieser Front, aber in den sicheren Städten wie Dohuk und Erbil zu sehen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.