Aktualisiert 27.07.2015 12:45

Abkehr vom GlaubenDer Islam ist nicht mehr allen Muslimen heilig

Die Terrormiliz IS vertreibt Muslime aus ihrem Glauben. Experten nennen aber noch andere Gründe – zum Beispiel Asyl.

von
num
Einige Muslime wenden sich wegen der Gräueltaten des IS von ihrer Religion ab.

Einige Muslime wenden sich wegen der Gräueltaten des IS von ihrer Religion ab.

Einmal Muslim, immer Muslim: Das gilt nicht mehr. Die Bereitschaft, der Religion den Rücken zu kehren, ist gestiegen – auch wegen der Gräueltaten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Das zeigt eine Studie des Pew Research Center, wie die «Schweiz am Sonntag» berichtet. Die Gewalt und der Zwang, den die Extremisten ausüben, liessen viele Muslime zu Atheisten oder Christen werden.

In der Schweiz existieren keine Zahlen von Konvertiten, in Deutschland sind es jährlich rund 3500 Muslime, die sich dem Christentum zuwenden. Die Zahlen überraschen Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, nicht. Sie glaubt aber weniger an den IS als Grund. «Das Phänomen findet seit Jahren statt und hat eher mit der menschenfeindlichen sozialen Realität in den meisten muslimischen Ländern zu tun.»

Zudem habe Jesus im Islam als Prophet seinen festen Platz, er sei deswegen vielen Muslimen vertraut. Keller-Messahli sagt, dass sich in der Schweiz viele Muslime von ihrem Glauben «heimlich verabschiedet» haben. «Sie sehen, dass in muslimischen Ländern vor allem Gewalt in all ihren Schattierungen regiert, dass dem Individuum keine Freiheit zugestanden wird und dass die Religion primär als soziales Herrschaftsinstrument dient.»

Gefahr als Christ im Heimatland

Ein junger Mensch, der die Religion seiner Eltern übernimmt, diese aber nicht praktiziert und irgendwann beschliesst, sich davon loszusagen: Auch das beeinflusst laut Experten die Resultate solcher Studien – in jeder Religion. Pascal Gemperli, Sprecher der Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS), sagt: «Für Personen in der Schweiz, die nicht viel über ihre eigene Religion wissen, ist eine Abkehr leichter – seien sie Muslime oder seien sie einer anderen Religion zugehörig.»

Der Soziologe Farhad Afshar sagt, dass vor allem junge Menschen ganz allgemein ihre Religiosität verlieren. Dies betreffe die Glaubensrichtungen, die weniger Ritualität praktizieren. Und dass der IS als Grund für eine Abkehr angeführt werde, sei vor allem bei den Kurden zu beobachten.

Doch Afshar kennt noch einen anderen Grund: Asyl. Er kenne einige Muslimen, die konvertiert seien, um die Aufenthaltsbewilligung nicht zu verlieren. «So konnten sie sagen, dass sie als Christen in ihrem Heimatland um ihr Leben fürchten müssten.»

Christen missionieren in Interlaken

In Interlaken herrscht im August Hochsaison für arabische Touristen. Eine Gruppe evangelikaler Freikirchen sucht zurzeit Freiwillige, die das Christentum an arabische Touri¬sten weitergeben sollen, berichtet die «Zentralschweiz am Sonntag». Das Projekt nennt sich «Salamu Aleikum in Interlaken». «Absurd», nennt Soziologe Farhad Afshar das Vorhaben. «Damit werden sie nie Erfolg haben.» Und Pascal Gemperli, FIDS-Sprecher, sagt: «Ich bin kein Fan von Missionierung, jeder sollte selber entscheiden, welchem Glauben er angehören möchte und nicht dazu forciert werden. In einigen arabischen Ländern kann das zu Problemen führen, wenn man mit einer Bibel-DVD im Gepäck zurückkehrt. Saida Keller-Messahli sagt: «Religion ist zum Marktprodukt geworden und es findet ein Kampf um Marktanteile statt.» Stefan Ryser, Vizedirektor von Interlaken Tourismus, findet das Vorgehen der Evangelikalen «nicht angenehm», wie er der «Zentralschweiz am Sonntag» sagt. Man werde die Angelegenheit beobachten und gegebenenfalls die Polizei einschalten. num

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