Aktualisiert 23.04.2018 11:02

Deutlich mehr Absenzen

Der Job macht viele Schweizer psychisch krank

Leistungsdruck und Überstunden: Angestellte fehlen vermehrt wegen psychischer Erkrankungen bei der Arbeit. Das liesse sich verhindern, meinen Experten.

von
V. Blank
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Die krankheitsbedingten Absenzen von Schweizer Angestellten haben um 20 Prozent zugenommen

Die krankheitsbedingten Absenzen von Schweizer Angestellten haben um 20 Prozent zugenommen

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Besonders stark angestiegen sind die Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen: In diesem Bereich beträgt das Plus 35 Prozent.

Besonders stark angestiegen sind die Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen: In diesem Bereich beträgt das Plus 35 Prozent.

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Das zeigt eine Erhebung der Swica. Für die Krankenversicherung ist diese Entwicklung besorgniserregend.

Das zeigt eine Erhebung der Swica. Für die Krankenversicherung ist diese Entwicklung besorgniserregend.

Swica

Innert der letzten fünf Jahre haben die krankheitsbedingten Absenzen von Schweizer Angestellten um 20 Prozent zugenommen. Besonders stark angestiegen sind die Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen: In diesem Bereich beträgt das Plus 35 Prozent.

Das berichtet die «NZZ am Sonntag» unter Berufung auf Zahlen der Krankenversicherung Swica. Für Adrian Wüthrich, Präsident des Gewerkschaftsdachverbands Travailsuisse, sind die Gründe klar: «Viele Angestellte kommen mit dem steigenden Arbeitsdruck nicht mehr klar.»

«Permanente Top-Leistung gefordert»

Auch Pierre Vallon, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, ist der Meinung, dass sich der Stress am Arbeitsplatz ständig erhöht. «Die Angestellten sind immer stärker unter Druck, müssen permanent Top-Leistungen erbringen und Überstunden leisten», sagt er zu 20 Minuten.

Dass es darum zu mehr Krankschreibungen kommt, liege aber nicht nur an der erhöhten Belastung. «Heute spricht man offener über psychische Erkrankungen und identifiziert sie dadurch einfacher.» Ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis ist aber nicht immer die beste Lösung bei psychischen Problemen, findet Vallon. «Das kann die Situation in gewissen Fällen noch schlimmer machen.»

«Chefs sollten früh reagieren»

Stattdessen sollten Ärzte, Arbeitgeber und Patient eine gemeinsame Lösung suchen und schauen, wie die Lage verbessert werden kann, damit es gar nicht zu einer Krankschreibung kommt. Dieser Meinung ist auch Niklas Baer von der Psychiatrie Baselland (siehe Interview): «Eine psychische Erkrankung heisst nicht immer, dass der Betroffene nicht arbeiten kann.»

Roger Ritler, Direktionsmitglied bei der Swica, sieht die direkten Vorgesetzten in der Pflicht. Konkret: Die Chefs sollten achtsam sein und reagieren, bevor es zu spät ist. «Schon bei kleinen Anzeichen einer psychischen Überbelastung wäre es ratsam, das Thema dem Mitarbeiter gegenüber anzusprechen», sagt er zu 20 Minuten.

Weniger Wochenendarbeit und Überstunden

Daneben gebe es konkrete Rahmenbedinungen, die Firmen schaffen können, um die Stressbelastung zu reduzieren, so Ritler: Etwa, dass die Mitarbeiter in der Regel nicht am Wochenende arbeiten oder nicht zu viele Überstunden leisten müssen.

Als Allererstes müsse aber die Firmenkultur stimmen. «Wenn der Job Spass macht, führt es auch nicht automatisch zur Überbelastung, wenn ein Mitarbeiter mal an einem Wochenende etwas fürs Geschäft erledigt.»

Der neue 17-Stunden-Tag

Gewerkschafter Wüthrich dagegen blickt besorgt auf die geplante Flexibilisierung der Arbeitszeiten in der Schweiz. «Damit wird die Belastung der Arbeitnehmer und die Zahl der gratis geleisteten Überstunden weiter zunehmen.» Bisher durfte der Zeitraum, innerhalb dessen Arbeit erbracht wird, die Dauer von 14 Stunden nicht überschreiten. Jetzt wird auf politischer Ebene diskutiert, diesen Zeitraum auf 17 Stunden ausweiten. Zudem soll auch Sonntagsarbeit im Home-Office erlaubt werden.

Herr Baer*, 35 Prozent mehr Krankschreibungen wegen psychischer Probleme – was läuft falsch in der Arbeitswelt?

Die Gründe für diese Zunahme lassen sich nicht nur auf Stress am Arbeitsplatz zurückführen. Wir gehen heute auch anders mit psychischen Problemen um als früher.

Sie verneinen demnach, dass die Belastung im Job zugenommen hat?

Fakt ist: Viele Angestellte leiden am Arbeitsplatz. Das ist ernst zu nehmen. Ich bezweifle aber, dass die Belastung insgesamt zugenommen hat.

Mit dieser Meinung dürften Sie allein dastehen.

Gewisse Belastungen – etwa die ständige Erreichbarkeit – haben sicher zugenommen. Aber es gibt auch viele Bereiche, in denen das Arbeiten leichter geworden ist. Heute hat man als Angestellter viel mehr Freiheiten. Ich persönlich bin froh, dass ich heute arbeite und nicht vor 50 Jahren.

Ist also alles in Butter?

Nein. Das Problem liegt darin, wie mit psychischen Erkrankungen von Angestellten umgegangen wird. Es wird einfach zu spät reagiert: Die Chefs sehen zwar, dass etwas nicht stimmt, sprechen es aber nicht an. Die Arbeitnehmer ihrerseits schämen sich – und sagen ebenfalls nichts. Irgendwann eskaliert die Situation. Und genau dann kommt es zur Krankschreibung. Eine psychische Erkrankung heisst aber nicht immer, dass der Betroffene nicht arbeiten kann.

Soll also ein Angestellter trotz Burnout ins Büro gehen?

Das rein arbeitsbedingte Burnout hat etwas von einem Mythos. Die meisten psychischen Krankheiten beginnen nämlich schon vor dem 25. Lebensjahr. Das sogenannte Burnout bezeichnet meistens den Höhepunkt einer länger dauernden Entwicklung.

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