Trend aus Russland: Der Kaffee ist gratis – aber die Minuten kosten
Aktualisiert

Trend aus RusslandDer Kaffee ist gratis – aber die Minuten kosten

Ein Kaffeehaus in Wiesbaden will einen «neuen Ort der Begegnung» schaffen. Die Gäste zahlen am Schluss für die Zeit, die sie dort drin verbracht haben – egal, was oder wie viel sie konsumiert haben.

von
kle
Das russische Zeitkaffee «Local Time» in Moskau: Hier wird nicht für Kaffee und Kuchen, sondern auch für die dort verbrachte Zeit bezahlt.

Das russische Zeitkaffee «Local Time» in Moskau: Hier wird nicht für Kaffee und Kuchen, sondern auch für die dort verbrachte Zeit bezahlt.

Das Konzept vom Zeitkaffee stammt ursprünglich aus Russland. Im Zentrum Moskaus sind die sogenannten «Antikaffees» bereits ein Riesenerfolg. Inzwischen gibt es sie auch in St. Petersburg, Kiew oder Minsk. Die Idee ist einfach: Die Kunden sollen in einem freundlichen Ambiente die Zeit vergessen können und entspannen. Sie werden am Schluss nicht für ihre Bestellungen bezahlen, sondern für die Stunden oder Minuten, die sie in den Ruheoasen verbracht haben.

Nun führt eine Russin erstmals ein Zeitkaffee in Wiesbaden ein. Daria Volkova lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn seit fünf Jahren in Deutschland. Zusammen mit ihrem deutschen Partner Markus Wach hat die 24-Jährige vor sechs Wochen das «Slow Time» eröffnet. Die Musikstudentin hofft, irgendwann ihren Lebensunterhalt damit finanzieren zu können.

Mit Pantoffeln und eigenen Esswaren

Ihr Kaffeehaus wirkt wie ein grosses Wohnzimmer. In einer Ecke steht eine Kanne mit Filterkaffee, heisses Wasser und Milch. Daneben Gläser mit Teeblättern und Keksen. In den Regalen stapeln sich Tischspiele wie «Carcassonne», «Activity» oder «Scrabble». Gleich daneben eine Bibliothek mit Büchern und Zeitungen. Und etwas weiter, auf dem Boden, liegt ein Kontrabass. Die Tische sind mit Kerzen geschmückt, an den Wänden kleben Papierfalter. Wer möchte, darf sogar seine Schuhe ausziehen und in bequeme Pantoffeln schlüpfen.

Volkova hofft, mit ihrem Projekt einen «neuen Ort der Begegnung» zu schaffen. «Hier kann man günstiger Leute treffen als in einer Bar, wo man teure Getränke kaufen muss», meint sie gegenüber Spiegel Online. So wie in ihrer Heimat sind auch im «Slow Time» alle Konsumationen im Zeittarif inbegriffen. W-Lan ist für diejenigen, die mit ihrem Laptop kommen, gratis dabei. Man dürfe auch eigene Esswaren mitbringen, sagt Volkova. Der Gast könne sich sogar ein Menü aus einem Restaurant liefern lassen, wenn er das wünsche.

Erste Stammkunden gibt es schon

Der Eintritt in Volkovas Zeitkaffee kostet zwei Euro. Darin enthalten sind dreissig Minuten. Ab dann wird jede weitere Minute verrechnet: Fünf Cent pro Minute oder drei Euro pro Stunde. Der Kunde kriegt am Eingang ein Armband, auf dem Inhaberin Volkova die Uhrzeit notiert. Verlässt der Kunde ihr Kaffee, rechnet sie minutengenau ab.

Im 70 Quadratmeter grossen Laden haben bis zu 25 Personen Platz. Bei 11 Gästen pro Stunde schreibt Volkova Gewinn. Ein paar Stammgäste hat sie schon. «Es ist der ideale Ort zum Arbeiten», schreibt ein begeisterter Fan auf der Facebook-Seite von «Slow Time». Fixkosten hat die Russin so gut wie keine: Weil sich der Kunde selbst am Kaffeetisch bedient, braucht es nur eine Person an der Theke. Eine Küche gibt es nicht.

Daria Volkova plant in Zukunft feste Spielabende und Konzerte in ihrem Laden. «Es muss sich in Wiesbaden noch herumsprechen, dass es uns gibt», sagt sie. Viele Passanten würden sich nicht so recht getrauen, hineinzukommen. Dabei hat Volkova extra zwei Plakate an die Scheiben geklebt, auf denen sie erklärt, was ein Zeitkaffee ist und wie es funktioniert. Für jene Kunden, denen es schwerfällt, die Zeit zu vergessen, hat sie einen Trick bereit: An den Wänden hängen mehrere Uhren - sie zeigen alle eine andere Zeit an.

Wie gefällt Ihnen die Idee des Zeitkaffees? Diskutieren Sie im Talkback mit.

Deine Meinung