Aktualisiert 25.09.2013 15:13

DoppelinterviewDer kalte Krieger und seine «grüne» Tochter

SVP-Haudegen Hans Fehr ist stolz auf seine Tochter Nina, die für den Stadtrat von Zürich kandidiert. Zwei SVP-Generationen über alternative Energien, Stilfragen und Rebellion.

von
S. Hehli

Frau Fehr, als Teenager wollten Sie Delfine retten und den Grünen beitreten. Was hat sich geändert?

Nina Fehr: Der Tierschutz liegt mir nach wie vor am Herzen. Sonst haben mich meine beruflichen Erfahrungen verändert, sei es bei der Staatsanwaltschaft oder im Versicherungswesen. Ich wurde mit Missständen konfrontiert. Auch aufgrund der zwölf Jahre, die ich nun schon in der Stadt Zürich wohne, sehe ich dringenden Handlungsbedarf, etwa in der Sicherheitspolitik: Es darf doch nicht sein, dass unbewilligte Demonstrationen und Diebstähle zunehmen und gefährliche Gewalttäter frei herumlaufen.

Kann jemand, der einen Rechtspolitiker als Vater hat, nur entweder selber rechts herauskommen – oder revoltieren und links werden?

Nina Fehr: Aus dem Alter des Revoltierens bin ich definitiv raus. Mein politischer Weg hat nicht nur mit meiner Familie zu tun. Wir haben zuhause auch über anderes als Politik geredet.

Hans Fehr: Nina hat mich sehr positiv überrascht. Früher ging sie gerne in den Ausgang, in die Ferien mit Freundinnen. Das war sehr wichtig, wie bei allen in diesem Alter. Als sie vor zehn Jahren in die Arbeitswelt kam, behielt sie ihre positive Art, hat aber mehrere Gänge hochgeschaltet.

Und hat sogar zur «richtigen» Partei gefunden.

Hans Fehr: Das freut mich natürlich. Aber jeder Mensch muss seinen Weg selber finden. Ich hätte ihr nie dreingeredet. Wenn ich gesehen hätte, dass ein Absturz bevorsteht, hätte ich vielleicht gewarnt. Aber da gabs nichts zu warnen.

Und wenn Ihre Tochter, statt eine stramme Bürgerliche mit Karriereplänen zu werden, bei den Juso gelandet wäre?

Hans Fehr: Ich respektiere Leute wie Cédric Wermuth, auch wenn er eine völlig andere Meinung hat als ich. Das gehört zu einer Demokratie. Aber klar, ich hätte Mühe gehabt, wäre Nina so geworden. (lacht)

Herr Fehr, inwiefern wurden Sie in Ihrer Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit anders geprägt als Ihre Tochter?

Hans Fehr: Ich wuchs in einem bäuerlichen Umfeld auf. Wir hatten sehr wenig Freizeit. Kaum kamen wir von der Schule nach Hause, gab es Arbeit auf dem Kartoffelacker oder im Kuhstall. Nina hingegen ist in einer Freizeitgesellschaft aufgewachsen. Sie musste zuerst lernen, dass es im Leben Leistung braucht, wenn man bestehen will.

Nina Fehr: Ich bin gerne im ländlichen Eglisau aufgewachsen, schätze aber auch das Leben in der Stadt, wo ich seit meinem Jura-Studium wohne. Hier ist man am Puls des Lebens. Dass ich im bäuerlichen Umfeld verwurzelt bin, merke ich daran, dass ich die fast dörflichen Quartiere wie Wipkingen oder Höngg besonders mag.

Frau Fehr, Sie sind in erster Linie wirtschaftsliberal. Aufgrund dieses Profils könnten Sie auch in der FDP politisieren – wäre das nicht ein einfacherer Weg, um sich vom Vater zu emanzipieren?

Nina Fehr: Ich muss mich nicht emanzipieren. Natürlich haben die bürgerlichen Parteien viele Übereinstimmungen. Wir sind uns etwa einig, dass die städtische Verkehrspolitik eine Katastrophe ist. Wegen der autofeindlichen Massnahmen des links dominierten Stadtrates machen viele die Faust im Sack oder fliehen in die Agglomeration. Aber wenn ich das Parteiprogramm der SVP anschaue, bin ich dort am richtigen Platz. Bei der FDP vermisse ich die klare Sprache und die Wertschätzung für Schweizer Werte und Traditionen.

Das tönt ganz nach Hans Fehr. Sind Sie Mitglied der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns), die Ihr Vater massgeblich mitprägte?

Nina Fehr: Ja. Ich bin da zwar nicht wahnsinnig aktiv, teile aber die Auffassung, dass die Schweiz unabhängig und neutral sein soll. Mittlerweile ist sich zum Glück die grosse Mehrheit der Bevölkerung bewusst, dass es richtig war, nicht der EU beizutreten.

Hans Fehr: Ich habe nie gesagt: Komm doch auch in die Auns. Selbstbestimmung und Neutralität sind allerdings hochmodern. Ich reise viel und höre im Ausland immer wieder: Bleibt bei eurem erfolgreichem System!

Nina Fehr: Ich bin auch weltoffen und reise gerne ins Ausland…

… und wie bringen das mit dem Isolationismus der SVP unter einen Hut?

Nina Fehr: Durch das Reisen kann ich unser Land noch mehr schätzen. Gerade im EU-Raum sagen mir viele Leute, wir könnten ruhig ein bisschen stolzer sein auf das, was wir haben. Sie würden alles dafür geben, wenn sie wieder selber über ihre Währung bestimmen könnten. Dank der Neutralität haben wir mehr Sicherheit und die Möglichkeit, diplomatische und humanitäre Hilfe zu leisten.

Hans Fehr: Auch wenn mir Frau Calmy-Rey immer wieder Abschottung vorgeworfen hat: Wir sind weltoffen wie wahrscheinlich kein zweites Land.

Dann passt politisch kein Blatt zwischen Sie?

Nina Fehr: Es gibt natürlich Differenzen. Ich bin eine junge Frau und vertrete die urbane Bevölkerung. Ich kenne viele junge Gewerbler und mittelständische Familien, modern denkende Leute. So ticke ich in Familienfragen anders als mein Vater. Ich habe eine gute Ausbildung genossen. Und werde deshalb, falls ich mal Kinder haben sollte, wie viele heutige Frauen nicht den ganzen Tag am Herd stehen…

… wie Sie sich das mit Ihrem konservativem Familienbild wünschen würden, Herr Fehr?

Hans Fehr: Ich wünsche mir gar nichts, ich gehe dann die Kinder hüten!

Nina Fehr: Das habe ich jetzt gehört! (lacht) Das ist eben eine Generationenfrage, aber auch ein Stadt-Land-Thema. Ich finde, dass die Stadt Krippenplätze für berufstätige Mütter zur Verfügung stellen muss. Über Finanzierung und Auflagen kann man diskutieren.

Hans Fehr: Bei der sogenannt modernen Familienpolitik würde ich sicher weniger weit gehen.

Sonst können Sie über nichts streiten?

Nina Fehr: Doch – über Energiefragen.

Hans Fehr: Ja, genau, bei Alternativenergien bin ich sehr skeptisch, sie ist da offener.

Grünliberaler, sozusagen?

Hans Fehr: Ja, da hat sie noch einen Rest behalten.

Nina Fehr: Ich stehe mehr für einen Energiemix ein.

Sind Sie also für den Atomausstieg?

Nina Fehr: In der heutigen Zeit müssen wir mehr in die Entwicklung von Alternativenergien investieren. Man soll verschiedene Szenarien anschauen – etwa Erdgas –, die uns langfristig weniger Sorgen bereiten könnten als die Atomkraft mit ihren Abfällen.

Ihr Vater gilt als alter Haudegen, der gerne Klartext spricht und den Zweihänder schwingt. Wie ist Ihr politischer Stil? Liegt Ihnen das Stilett mehr?

Hans Fehr: Hast du gehört: Alter Haudegen!

Nina Fehr: Und ich bin die Junge. (Beide lachen) Ich bin auch eine starke Persönlichkeit und mir wurde im Job immer wieder attestiert, dass ich Charisma habe. Dennoch werde ich eher einen bürgerlich-urbanen Stil pflegen als eine Haudegenart.

Hans Fehr: Sie muss niemanden kopieren. Sie ficht mit Stilett und Köpfchen zugleich – und kommt damit vielleicht weiter als ich.

Inwiefern ist es typisch, dass die Tochter «anständiger» politisiert als der Vater?

Hans Fehr: Das kann ich Ihnen sagen: Es hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit der besonderen Aufgabe. Ich bin als Parlamentarier ein Frontkämpfer. Da müssen sie mit anderen Bandagen kämpfen, um überhaupt gehört zu werden. In einer Exekutive sind andere Qualitäten gefragt: Man muss konsensorientierter sein und in einem Team zusammenarbeiten können.

Könnten Sie denn so drauflospoltern wie der Vater?

Nina Fehr: Definitiv. Das habe ich schon oft bewiesen. Aber ich habe auch das diplomatische Geschick, das es für ein Exekutivamt braucht.

Die SVP, für die Ihr Vater steht, wurde mit einem aggressiven Stil gross und bedient sich einer provokativen, teilweise fremdenfeindlichen Sprache. Können Sie sich damit identifizieren?

Nina Fehr: Es gibt bei der SVP einen Stilwandel, den ich sehr begrüsse. Denn die Politik mit emotionalen Bildern und einfachen Schlagworten kann auch kontraproduktiv sein: In meinem urbanen Umfeld gibt es viele Leute, die sich mit den politischen Inhalten der SVP absolut identifizieren können – aber grosse Mühe haben mit der Schwarz-Weiss-Malerei.

Hans Fehr: Die Juso und die SP ziehen die sogenannten Kapitalisten bis auf die Unterhosen aus, so weit sind wir nie gegangen. Aber Nina hat recht: Wir müssen heute nicht mehr auf knallharte Konfrontation machen. Wir werden auch sonst gehört, seitdem wir vermehrt in den Kantonsregierungen sind.

Frau Fehr, Sie jobten früher als Model und arbeiteten als Flight Attendant, haben aber nicht viel politische Erfahrung.

Nina Fehr:Ich stehe zu meiner Vergangenheit und habe nichts zu verstecken. Ich war schon immer ein vielseitiger Mensch. Der Ausflug ins Modeln ist nun auch schon 17 Jahre her. Das war eine tolle Erfahrung als Teenager. Zwischen Matur und Studium flog ich für die Swissair und kam in der Welt herum. Es war aber schon immer klar, dass mir in einem solchen Job die intellektuelle Herausforderung fehlen würde. Politisch bin ich schon eine Weile aktiv, als Delegierte und im Vorstand der Stadtzürcher SVP.

Hans Fehr: Die Model-Türe blieb mir leider verschlossen. Schauen Sie mich an: Ich wurde nie als Model angefragt, das ist meine Tragik. (lacht)

Sie sind 66, Ihre eigene politische Karriere neigt sich dem Ende zu…

Hans Fehr: … das sagen Sie! Warten Sie ab.

Ist es möglich, dass die Tochter irgendwann den Vater in Bern beerbt?

Nina Fehr: Derzeit fühle ich mich in der städtischen Politik daheim. Die Stadtregierung ist überaltert und politisch sehr einseitig besetzt. Da würde ein Gegengewicht nicht schaden. Aber: Never say never. Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann auch national tätig zu werden.

Hans Fehr: Politiker, die älter werden, haben manchmal Wunschträume – und warten darauf, dass jemand sagt: Hans, das Land braucht dich, das Land kann nicht auf dich verzichten. Aber ich gebe zu: Jeder ist ersetzbar. Und Nina wird noch besser werden als ich.

Die Fehrs

Hans Fehr (66) ist seit 1995 Nationalrat für die SVP. Der Zürcher stammt aus einer Bauernfamilie und machte eine Ausbildung zum Realschullehrer. Von 1998 bis 2010 war er Geschäftsführer der nationalkonservativen Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns). Seine Tochter Nina Fehr-Düsel (33) studierte Jura und arbeitet im Versicherungswesen. Die Zürcher SVP hat sie Anfang September als Kandidatin für die Wahlen in die Stadtregierung nominiert, die im Februar 2014 anstehen. Auch Mutter Ursula ist politisch aktiv: Sie ist Gemeindepräsidentin von Eglisau ZH. (hhs)

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