06.05.2016 13:19

Digitale Müllabfuhr

Der Kampf gegen Gewalt und Porno macht sie krank

Tausende Philippiner säubern täglich das Internet: Sie beseitigen die übelsten Schockbilder aus sozialen Netzwerken. Dann kommen die Depressionen.

von
tob
Bis zu 3000 Bilder mit anstössigen Inhalten bearbeiten die Mitarbeiter pro Schicht. (Symbolbild: Pexels.com)

Bis zu 3000 Bilder mit anstössigen Inhalten bearbeiten die Mitarbeiter pro Schicht. (Symbolbild: Pexels.com)

Kein Anbieter

Nicht nur Algorithmen und ausgeklügelte Filter sortieren auf sozialen Netzwerken anstössige Inhalte aus. Auch eine ganze Armada von Mitarbeitern auf den Philippinen ist verantwortlich dafür, in Handarbeit Fotos von Enthauptungen und Verstümmelungen, Videos von Sex mit Tieren, kinderpornografisches Material und sonstige Inhalte, die gegen Nutzungsbestimmungen verstossen, zu zensieren.

Dies berichtet der Regisseur Moritz Riesewieck, der gerade eben von einer Recherche von den Philippinen zurückgekehrt ist in einem Interview mit der «Taz». Laut Riesewieck sei es kein Zufall, dass die «digitale Müllabfuhr» für Facebook und andere grossen Netzwerke auf den Philippinen sitzt. «Die philippinische Gesellschaft vereint zwei gute Produktionsbedingungen: billige Lohnarbeit einerseits, aber eben auch ein vom Katholizismus geprägtes Werteverständnis. Der gesellschaftliche Kodex passt perfekt zu der Art der Arbeit», sagt der 30-Jährige.

Digitaler Abschaum

Das Land sei gerade dabei, zu einem globalen Zentrum für solche Dienste zu werden. «Inzwischen arbeiten mutmasslich zwischen einer halben und einer Million Menschen in diesem Sektor, häufig Frauen aus den unteren sozialen Schichten», so der Regisseur. Früher sei Elektronikschrott und Giftmüll aus dem Westen auf die Philippinen verschifft worden, heute sei es der digitale Dreck, der dort entsorgt werde, so der 30-Jährige.

Auf seiner Reise hat Riesewieck versucht, mit Mitarbeitern dieser Firmen zu sprechen. Keine einfache Aufgabe, wie sich gezeigt hat. «Sie unterzeichnen eine Verschwiegenheitserklärung. Diese sieht vor, dass über die Arbeit mit niemandem geredet wird.» Ihm ist es dennoch gelungen, mit einem Dutzend Arbeitern zu sprechen.

Sechs Dollar die Stunde

Diese Leute sitzen den ganzen Tag vor dem PC und sortieren aus den schlimmsten Bildern des Internets die allerschlimmsten heraus, berichtet er. Pro Schicht sind das bis zu 3000 Bilder. «Sie verdienen dafür in der Regel zwischen zwei und sechs Dollar die Stunde», so Riesewieck.

Für lokale Verhältnisse sei das kein schlechter Lohn. Allerdings hinterlässt die Arbeit Spuren: «Hier werden gerade in grossem Stil ganze Teile einer Gesellschaft traumatisiert», warnt er. Die Mitarbeiter berichteten ihm von Depressionen, Apathie und Lustlosigkeit. «Menschen, deren Tagesaufgabe darin besteht, im Sekundentakt Schockbilder anzuschauen und durchzuklicken. Mit diesen Erfahrungen werden sie einfach allein gelassen», sagt er.

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