20.09.2015 22:45

Indien-BlogDer King Kong von Delhi

Ein riesiger Affe steht mitten in der Millionenstadt Delhi. Es ist ein Tempel. Für Hanuman, den Gott mit Superkräften. Auch das Innere des Gebäudes ist abgefahren.

von
David Torcasso
20.9.2015
Im Keller des Hanuman-Tempels in Delhi befindet sich eine Art Geisterbahn mit jeder Art von Gemetzel.

Im Keller des Hanuman-Tempels in Delhi befindet sich eine Art Geisterbahn mit jeder Art von Gemetzel.

Und auch der Tempel selbst ist für Westler gewöhnungsbedürftig: Er hat die Form eines 35 Meter hohen Affen.

Und auch der Tempel selbst ist für Westler gewöhnungsbedürftig: Er hat die Form eines 35 Meter hohen Affen.

Gleich neben dem Hanuman-Tempel führt eine Brücke vorbei, auf der die Metro von Delhi eine Weile von einer Untergrundbahn zu einer Hochbahn wird.

Gleich neben dem Hanuman-Tempel führt eine Brücke vorbei, auf der die Metro von Delhi eine Weile von einer Untergrundbahn zu einer Hochbahn wird.

King Kong ist in der Stadt! Ich bin fassungslos. Weil niemand schreit, rennt, den Riesen beachtet. Ausser mir. Ich kriege den Mund nicht mehr zu. So etwas Abgefahrenes habe ich selten gesehen. Ein Tempel in Form eines Affen. Natürlich – wie könnte es in Indien anders sein – sprechen wir von Hanuman. Dem Affengott mit den aufgeplusterten Backen. Der Superman der Inder. Er kann fliegen, ist stark, loyal und gutmütig. In Indien sind Hanuman Millionen von Tempel gewidmet. Hier ist das Gebäude selbst ein Affe aus Beton!

Hanuman ist ein Held

Ein Land, in dem die Menschen einen Superaffen verehren und zu dessen Ehren eine Kirche in der Gestalt von King Kong erbauen! Das ist natürlich meine westliche Schablone, die ich ganz einfältig über den ältesten Glauben der Welt lege. King Kong wollte die Welt zerstören, Hanuman rettet die Welt vor dem Bösen. Er ist ein Held. Am frühen Abend werden TV-Soaps mit Hanuman und seine Mitstreiter im indischen Fernsehen ausgestrahlt.

Ein Riesenaffe, der neben einer Brücke steht, auf der alle Minuten eine U-Bahn vorbeidonnert, scheint in Indien normal zu sein. Der Priester sitzt wie gewohnt da und schüttet gelassen Wasser über meinen Kopf. Zwischendurch spielt er «Angry Birds», schaut sich ein Video an oder hört Musik auf seinem Smartphone – bis wieder ein Gläubiger nach einem Spritzer Wasser verlangt. Die Form des Gebäudes ergibt Sinn: Warum nicht schon von aussen kennzeichnen, wofür dieser Tempel steht, anstatt ein blinkendes Schild anzubringen? Schliesslich gibt es in Irland auch ein Biermuseum, das die Form eines Pints hat.

Am Hintern vorbei aufs Dach

Der mehrgeschossige Tempel überragt alles. «Treffen wir uns beim Riesenaffen!» Praktisch für ein Date. Damit nicht genug: Der Affentempel beherbergt im Keller eine Geisterbahn! Ich gehe vorbei an Steinfiguren mit abgehackten Köpfen, aus denen Blut spritzt, furchterregenden Wesen und sonstigem Gemetzel. Aus einer Wand ragt ein Krokodilsrachen. Als sich meine Begleiterin für ein Foto hineinstellt, rutscht sie auf der Zunge beziehungsweise dem feuchten Steinboden beinahe aus und wird um ein Haar gefressen. Die Wände erinnern an Gedärme aus einem Splattermovie. Ich befinde mich im Magen des Affen. Auf dem Gruselparcours muss ich am Schluss durch einen Flaschenhals kriechen. Hinter mir schlendert eine fröhliche Familie, die Kinder grinsen den abgetrennten Köpfen zu. Natürlich bin ich als Westler, der kaum Ahnung vom Hinduismus hat, der Einzige, der diesen Geschichtspfad als Freakshow wahrnimmt.

Schliesslich gehe ich am Hintern des Affen vorbei auf das Dach des Tempels. Darauf ruht der meterdicke, lustig gezwirbelte Schwanz. Dann bewegen sich die Hände des Affen! Mit beiden Händen öffnet das zum Leben erweckte Monster seine Brust. An der Stelle des Herzens ist ein Loch, in dem zwei weitere Götter sitzen und keine Miene verziehen. Ich schwöre es: Die Hände haben sich bewegt! Ein 35 Meter hoher Affenroboter. Ich mache mich nicht lustig über den Hinduismus. Im Gegenteil: Er ist eine Religion, die sogar Nichtgläubige wie mich in den Bann zieht. Ich bin hocherfreut. Weil ich meine Lieblingsattraktion in Delhi entdeckt habe.

David Torcasso ist Autor, Mediencoach und Blogger. Nach seinem Journalismus-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW arbeitete er für Tages-Anzeiger und 20 Minuten, danach als freiberuflicher Journalist für Das Magazin, NZZ, Die Zeit oder Monocle. David pendelt zwischen Zürich und Berlin. Zurzeit weilt er für mehrere Monate in Bhopal, Indien.

Seine Erlebnisse teilt er in unregelmässigen Abständen auf seinem Blog Dal-by-Dal und auf 20 Minuten.

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