Aktualisiert 09.02.2015 10:06

Soziale Ungleichheit

Der Klassenkampf beginnt beim Heiraten

Die soziale Ungleichheit wird immer grösser. Grund dafür ist laut Experten, dass Frauen nicht mehr Männer mit einer höheren sozialen Stellung heiraten.

von
Ph. Flück
Beziehungscoach Rainer Grunert: «Es ist auch in der Schweiz so, dass Leute aus der gleichen sozialen Schicht vermehrt untereinander heiraten.»

Beziehungscoach Rainer Grunert: «Es ist auch in der Schweiz so, dass Leute aus der gleichen sozialen Schicht vermehrt untereinander heiraten.»

Der Arzt heiratet die Krankenschwester, der Anwalt die Sekretärin und der Kardiologe die Assistentin. Was früher noch gang und gäbe war, kommt heute immer seltener vor: Frauen heiraten sich kaum mehr «nach oben». Stattdessen heiraten immer öfter Menschen aus derselben sozialen Klasse.

Was auf den ersten Blick ein Schritt in Richtung Geschlechtergleichstellung zu sein scheint, hat auch Schattenseiten: Die Einkommensungleichheit zwischen armen und reichen Haushalten wird grösser, wenn nur Menschen aus der gleichen sozialen Schicht einander heiraten, schreibt Spiegel online. Dass diese «Tendenz zur Paarung unter Gleichen» ein Grund für die wachsende Ungleichheit in der westlichen Gesellschaft ist, belegt sogar eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

«Ständegesellschaft droht»

«Es ist auch in der Schweiz so, dass Leute aus der gleichen sozialen Schicht vermehrt untereinander heiraten», bestätigt Beziehungscoach Rainer Grunert. Dies geschehe vor allem, weil in den Industrieländern die Trennung zwischen den verschiedenen sozialen Klassen sehr strikt sei. Wenn diese Trennung so weit gehe, dass sogar Beziehungen darunter leiden würden, dann ist für Grunert der Moment gekommen, in dem man anfangen müsse, sich Gedanken darüber zu machen.

«Die Durchmischung der Klassen darf auf keinen Fall verschwinden.» Falls die sozialen Klassen ihre Durchlässigkeit verlieren würden, könne dies zur Folge haben, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffne. «Es droht ein Rückschritt zur Ständegesellschaft.»

Schädlich für die Beziehung

Auch Andrea Klausberger, Leiterin von «Partnervermittlung mit Herz», beobachtet einen solchen Trend: «Oft will jemand, der einen Job mit einem hohen sozialen Stellenwert hat, einen Partner, der den gleichen Hintergrund und das gleiche finanzielle Polster hat.» Als Beispiel nennt sie gemeinsame Reisen: Da sei es gut, wenn jeder seinen eigenen Teil an den Kosten beisteuern könne.

Allerdings berge es auch Zündstoff, wenn die Frau auf Augenhöhe mit dem Mann sei: «Im ‹klassischen› Bild einer Beziehung ist der Mann verantwortlich für das Finanzielle. Ist dies nicht der Fall, kann er diesbezüglich Komplexe entwickeln.» Ausserdem könne es viel schneller zu Konflikten kommen, wenn zwei Personen miteinander ausgehen, die es sich gewohnt sind, dominant zu sein.

«Geld heisst Macht»

Paartherapeut Klaus Heer sieht ebenfalls die Gefahr eines erhöhten Konfliktrisikos: «Bei gleicher Augenhöhe kann es immer zu Rivalität und Machtkämpfen innerhalb der Beziehung kommen.» Geld sei immer ein prekäres Thema in einer Beziehung.

Gleichzeitig sieht es Heer aber auch als Chance, wenn in einer Beziehung beide den gleichen sozialen Status haben: «Gleichheit kann ein Gleichgewicht bringen. Dies ist wiederum die Voraussetzung für eine glückliche Beziehung.» Finanzielle Gleichheit verhindere, dass eine Person von der anderen abhängig sei: «Geld in einer Beziehung heisst oft Macht – oder eben Ohnmacht.»

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