Federer wieder top: Der kleine, aber feine Unterschied
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Federer wieder topDer kleine, aber feine Unterschied

Nach einer langen Durststrecke hat Roger Federer in London den 22. grossen Titel seiner Karriere geholt. Im Vergleich zu seiner erfolglosen Zeit hat der Schweizer aber nicht allzu viel anders gemacht.

von
pre

Die Spanne zwischen Erfolg und Misserfolg ist klein im Tennis. Oft entscheiden nur Millimeter über Netzroller oder Winner, über Match- oder Breakball. Auch das Endspiel bei den World Tour Finals zwischen Roger Federer und Jo-Wilfried Tsonga stand auf Messers Schneide.

Der Franzose war im ersten Durchgang der bessere Spieler, Federer nutzte allerdings gleich seine erste Chance und realisierte das entscheidende Break zum Satzgewinn. Danach spielte sich der immer besser und überzeugender agierende Titelverteidiger in Fahrt und er hätte die Partie eigentlich schon nach zwei Sätzen gewinnen müssen. Tsonga rettete sich aber im letzten Moment ins Tie-Break und schaffte den Satzausgleich dank viel Risiko und einem abgewehrten Matchball. Federer liess sich davon allerdings nicht beirren und sicherte sich den Sieg mit dem einzigen Break im dritten Satz.

Viele enge Matches verloren

Die beiden Finalisten zeigten eindrücklich, dass im Tennis nicht immer derjenige Spieler mit den besseren Statistiken das Game, den Satz oder gar die Partie gewinnt, sondern jener, der in den entscheidenden Momenten mental stärker ist. Nur wer bei den brisanten Ballwechseln im Kopf bereit ist und mit viel Selbstvertrauen auftritt, kann bei den Big Points das Glück auf seine Seite zwingen.

Vor allem bei Federer zeigt sich, wie wichtig das Selbstvertrauen bei der hohen Leistungsdichte im Männertennis geworden ist. Bis zum «goldenen November» hat der 16-fache Grand-Slam-Sieger im Jahr 2011 viele knappe Matches verloren. In Wimbledon schied der Schweizer im Viertelfinal gegen Jo-Wilfried Tsonga nach einer 2:0-Satzführung aus und auch beim US Open brachte Federer denselben Vorsprung nicht ins Trockene. Trotz zwei Matchbällen unterlag er im Halbfinal dem späteren Sieger Novak Djokovic in fünf Sätzen. Es war bezeichnend, wie die Weltnummer 1 Federer beim ersten Matchball nach einem zögerlichen Aufschlag den Return um die Ohren schlug.

Djokovic wehrt im US-Open-Halbfinal gegen Federer zwei Matchbälle ab. (Quelle: YouTube)

«Die Pause hat sehr geholfen»

Früher hätte der 30-Jährige beim Service in so einem wichtigen Moment wohl voll durchgezogen. Gerade zu Beginn seiner Karriere zeichnete sich Federer dadurch aus, dass er bei den Big Points die unglaublichsten Schläge auspacken konnte. Die langjährige Nummer 1 galt ausserdem als Frontrunner. Einmal in Führung war er kaum zu stoppen, sein Selbstvertrauen unerschütterlich. Den Schweizer umgab lange eine Aura der Unschlagbarkeit. Doch mit jeder weiteren Niederlage war in diesem Jahr davon nicht mehr allzu viel zu sehen. Seine Gegner hatten den Respekt endgültig abgelegt und gesehen, dass «King Roger» verwundbar ist.

«Mit jeder Niederlage beginnt man unbewusst ein bisschen mehr zu zweifeln. Ich schaffte es nicht immer, positiv zu bleiben und rieb mich an gewissen Dingen auf», sagte Federer nach seinem Masters-Triumph zu seiner schwierigen Zeit im Sommer. Nach dem US Open und der Davis-Cup-Begegnung gegen Australien legte der Baselbieter schliesslich eine sechswöchige Turnierpause ein, die ihn zu alter Stärke zurückfinden liess. «Die Pause hat mir sehr geholfen. Ich bin mental momentan stark», so Federer, dessen Wandel auch in der Körpersprache mehr als deutlich zu erkennen war.

Selbstvertrauen zurückgeholt

Das spielerische Repertoire hatte Federer schon immer, auch die Saisonplanung schien beim Schweizer im Gegensatz zu Murray, Nadal und Djokovic besser zu stimmen. In der Pause hat sich der Schweizer erholt und dabei trotzdem an seiner Fitness gearbeitet. In körperlicher Topform hat sich Federer auf seiner stärksten Unterlage in der Halle beim Heimturnier von Basel das Selbstvertrauen zurückgeholt. Der erste Sieg in Paris steigerte den Glauben an sich selbst noch mehr und so marschierte der 70-fache Turniersieger bei den World Tour Finals trotz harter Gegenwehr zu seinem sechsten Triumph.

Die Woche von London hat eindrücklich aufgezeigt, zu was Federer in körperlicher und mentaler Topform noch immer fähig ist. Gerade auf schnellen Belägen ist dem «FedExpress» noch immer alles zuzutrauen. Doch auch 2012 werden der langjährigen Nummer 1 die Grand-Slam-Siege nicht in den Schoss fallen. Mit seiner eindrücklichen Siegesserie hat sich Federer immerhin den Respekt seiner Gegner wieder gesichert. «Du bist der Beste», sagte Tsonga nach seiner dritten Niederlage in Serie schon fast ehrfürchtig zum alten und neuen «Master» der World Tour Finals.

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