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Weltenbummler-Blog«Der Kunde ist König» geht in Indien anders

Auf dem Weg zum bekanntesten Grabmal der Welt lauern allerlei Hindernisse, Tücken und Tricksereien.

von
Claudio Sieber

Delhi. Die Boeing rollt gemächlich zum Dock. Autoritäre chinesische Stewardessen erklären den Indern die Situation. Landen, parken. Dann aufstehen. Köpfe wippen beschämt.

Indien will raus, rollt Koffer, fummelt in den Staufächern. Draussen hechelt das übliche Unheil an inoffiziellen Taxis und Abzockern. Ein erbärmlicher Trick folgt – der Beifahrer wählt angeblich die Telefonnummer meines Hotels. Sein Komplize auf der anderen Seite der Leitung erklärt unverfroren, dass aufgrund eines Festivals in Delhi alle Buchungen storniert worden seien. Sie könnten mir ein anderes Hotel empfehlen. Ich verabschiede mich freundlich.

Zig vermeintliche Tourismusbüros lauern in der indischen Hauptstadt. Einmal hingeschleust, warten fantasievolle Geschichten, fantastische Angebote, exklusive Hotels und geführte Touren durch das «gefährliche» Land. Berüchtigt sind auch die Wechselstuben mit rege genutztem Notausgang. Einen Tag lang die Luft in Delhi zu atmen, entspreche ungefähr dem Inhalieren von 100 Zigaretten, heisst es. Die indische Sonne glüht. 46 Grad Celsius verspricht die «Hindustan Times». Sitzplätze im Zug von Delhi nach Agra sind bereits weg. Es gibt nur noch Tickets für die «Non Reserved»-Klasse, Modell rollender Stahlkäfig. 60 Rupien (1 USD) für drei Stunden Dampfsauna. Der Handel scheint fair. Durch kontinuierliche Kickbewegungen starte ich den verkrusteten Deckenventilator. Ein einsamer Zahn lächelt mir entgegen. Sein Besitzer fordert mich auf, meinen leeren Lassi-Becher aus dem Fenster zu werfen, zu all dem anderen Abfall, der sein Land laminiert. Ich verneine freundlich und ernte ein Kopfschütteln. Erleichtert steige ich aus. Einer Studie zufolge beendet die Indian Railways jahrlich ungefähr 3500 Menschenleben auf ihrem Schienennetz. Weitere 30'000 sterben indirekt durch misslungenes Gleisübertreten, Stürze vom Zugdach oder Kollisionen mit Masten.

Das legendäre Schlitzohr

Ankunft in Agra. Windeln tragende Kamele streunen umher, heilige Kühe machen die Strassen unsicher, tausende Tuktuk-Fahrer reiben sich die Hände. Es ist ein bedeutender Sommertag im Leben vieler Besucher: Sie stehen vor dem meistbesuchten Grabmal der Welt, dem Taj Mahal. Noch intensiver erlebte ihn Mithilesh Kumar Srivastava. Der linkische Anwalt unterzeichnete vor einigen Jahren das Vertragswerk zum Verkauf des Taj Mahal an ein amerikanisches Ehepaar. Trickdiebe auf dem ganzen Globus jubeln, sie haben einen neuen Gott. Die Schwindlerlegende verscherbelte nebenbei noch das Red Fort in Neu Delhi, das Rashtrapati Bhavan und sogar das indische Parlament inklusive seiner 545 Mitglieder. Neunmal landete er fur seine Dreistigkeit im Gefängnis. Neunmal büxte er aus. Das letzte Mal schlich er 84-jährig und im Rollstuhl davon.

Die Story ist rührend, sie ist typisch indisch. Wie die Liebesgeschichte um Mumtaz Mahal. Der Mogulkaiser Shah Jahan verliebte sich einst in die Schönheit, die zu Ehefrau Nummer drei wurde. Sie schenkte ihm erst 14 Kinder und die Witwerschaft, er ihr ein immerwährendes Denkmal der Trauer. 22'000 Arbeiter hämmerten 22 Jahre lang an der exakten Nachbildung des Himmels – getreu der Anleitung des Korans. Der Taj Mahal wird von den muslimischen Bürgern als Gebetsstätte genutzt. Dämmerung bricht ein. Drachen steigen von den Dächern. Während der Muezzingesang nachhallt, schwirren Legionen von Allesverkäufern nach Hause, um ihre Taktik und Strategie zu verfeinern. Ich mache dasselbe. Morgen ist ein neuer Tag.

Weltenbummler

Claudio Sieber spurtete 15 Jahre lang für die grafische Branche. Heute setzt der 33-Jährige seine Energie für sich selbst ein. Als Fotograf und Reiseblogger. Seit Januar 2014 ist der Langzeit-Nomade bereits unterwegs, um die Schönheit dieser Erde zu erkunden. Dabei lernt der Ostschweizer die vielseitigsten Menschen kennen und steigert täglich sein Bewusstsein für die Welt.

Auf seinem Blog Travelbuddy.ch und auf 20 Minuten teilt er seine Erlebnisse.

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