Aktualisiert 02.12.2018 16:00

Cadisc-L-ProtheseDer Kunststoff frass sich durch ihren Wirbel

Das Skandal-Implantat Cadisc-L wurde auch in der Schweiz eingesetzt. Eine Betroffene spricht von «unerträglichen Qualen».

von
rab
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So sieht die Bandscheiben-Prothese Cadisc-L aus.

So sieht die Bandscheiben-Prothese Cadisc-L aus.

Sie hätte Patienten beschwerdefrei machen sollen.

Sie hätte Patienten beschwerdefrei machen sollen.

Keystone/Gaetan Bally
Zusätzlich hätte sie ältere, mehrteilige Prothesen wie jene im Bild überflüssig machen sollen.

Zusätzlich hätte sie ältere, mehrteilige Prothesen wie jene im Bild überflüssig machen sollen.

Keystone

Vergangene Woche enthüllte ein Rechercheteam von Tamedia im Zuge der weltweiten Enthüllungen über Missstände bei Medizinprodukten, den Skandal rund um die Prothese Cadisc-L. Nachdem das Implantat bei Betroffenen eingesetzt worden war, begann sich das Plastikteil beispielsweise zu zersetzen oder zu verschieben, was bei den Patienten zu extrem starken Schmerzen führte. Weitere Operationen wurden nötig, viele Betroffene schwebten in Lebensgefahr. Auch Schweizer Patienten waren betroffen.

Der Berner Professor und Starchirurg Max Aebi, 70, und der Zürcher Forscher Thomas Steffen haben die Prothese mitentwickelt. Aebi liess auf Anfrage von Tamedia mitteilen, dass er das Implantat bei vier Patienten eingesetzt habe, die seines Wissens wohlauf seien.

Zu seinen Patienten soll, wie die «SonntagsZeitung» schreibt, auch eine Frau aus dem Schweizer Mittelland gezählt haben. Als sie vergangene Woche von dem Skandal vernahm, sei es für sie wie «ein Déjà-vu» gewesen.

Die heute 48-Jährige habe schon als junge Frau mit Rückenprobleme zu kämpfen gehabt. Als sie kurz vor ihrem 41. Geburtstag vor lauter Schmerzen kaum noch laufen konnte, habe sie sich an Aebi – eine Koryphäe unter den Wirbelsäulenspezialisten – gewandt, der ihr im Sommer 2011 im Berner Salem-Spital die Cadisc-L eingesetzt haben soll. Zuvor habe er weder von Alternativen gesprochen, noch sein geschäftliches Verhältnis zur Herstellerfirma des Implantats erwähnt.

Die Schmerzen wurden immer schlimmer

Nach der Operation waren die Schmerzen der Frau jedoch keineswegs weg – gemäss der «SonntagsZeitung» habe sie ein Jahr lang ständig Schmerzmittel schlucken müssen. Zwischen der Operation im Juni 2011 bis im August 2013 seien sechs Röntgenkontrollen gemacht worden, dabei habe sie Aebi ein- oder zweimal gesehen. 2013 galt ihr Fall als abgeschlossen, alles sei in Ordnung. Doch die Schmerzen hielten an, nahmen gar zu.

Im November 2014 wurde die künstliche Bandscheibe vom Hersteller europaweit zurückgerufen. An die Ärzte wurde appelliert, «alle betroffenen Patienten zur Untersuchung zurückzurufen». Davon habe die Frau jedoch nichts erfahren, sie sei auch nicht kontaktiert worden.

Der Kunststoff frass sich in den unteren Wirbel

Ein Jahr später seien ihre Qualen unerträglich geworden: «Ich konnte nachts nicht schlafen. Wenn ich mich im Bett drehen wollte, musste ich erst aufstehen, um mich auf die andere Seite zu legen», erzählt sie der Zeitung. Sie habe sich daraufhin an einen anderen Spezialisten gewandt. Dessen Abklärung ergab: Der Boden ihrer Cadisc-L war gebrochen, der Kunststoff hatte sich durch die Deckplatte in den unteren Wirbel gefressen und dort grosse Löcher im Knochen hinterlassen.

Im März 2016, nach fast fünf schmerzgeplagten Jahren, seien schliesslich die Trümmer – kleine Plastikstücke, nur noch Fragmente – der Prothese in einer zweistündigen Operation entfernt worden. Diese Überreste habe die Frau bis heute aufbewahrt – in einer kleinen Plastikdose.

Auf Anfrage durch die «SonntagsZeitung» sagte Max Aebis Anwalt, die Hirslanden-Gruppe habe eine unabhängige Untersuchung eingeleitet. Bis zu deren Abschluss werde sich Max Aebi zum Thema nicht mehr äussern. Er halte daran fest, dass ihn keine Schuld treffe und er korrekt gehandelt habe.

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