Radikaler Umbau: Der langsame Abstieg des Weltkonzerns Kuoni
Aktualisiert

Radikaler UmbauDer langsame Abstieg des Weltkonzerns Kuoni

Als das Reisen noch luxuriös, aber angstbehaftet war, feierte Kuoni Erfolge. Nach 109 Jahren sucht der Konzern neue Wege.

von
I. Strassheim
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Das erste Reisebüro des Schweizers Alfred Kuoni am damaligen Sonnenquai in Zürich, heute Bellevue/Limmatquai. Es wurde 1906 eröffnet.

Das erste Reisebüro des Schweizers Alfred Kuoni am damaligen Sonnenquai in Zürich, heute Bellevue/Limmatquai. Es wurde 1906 eröffnet.

Keystone/str
Alfred Kuoni kurz vor seinem Tod 1943, im Alter von 69 Jahren.

Alfred Kuoni kurz vor seinem Tod 1943, im Alter von 69 Jahren.

Kuoni
Als das Reisebüro noch «Bureau» geschrieben wurde: Die Kuoni-Filiale an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Als das Reisebüro noch «Bureau» geschrieben wurde: Die Kuoni-Filiale an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Kuoni

Vor Beginn des Easy-Jet-Zeitalters in den 1990er-Jahren waren Fernreisen noch ein Luxus. Und manche ferne Länder schienen unheimlich. Deswegen vertrauten viele auf Alfred Kuoni. Der Zürcher Fuhrhalter organisierte 1906 Ausflüge in den wenige Kilometer entfernt liegenden Dolderpark und avancierte so zum Reiseveranstalter. Persönliche Betreuung war alles – auch für die 20 Jahre später angebotenen Reisen nach Ägypten oder an die Côte d'Azur, für die Kuoni nicht nur den Geldwechsel, sondern auch die Aufsicht über Heim und Haustiere anbot.

Kuoni wurde mit den Jahrzehnten nicht nur vom Kleinbetrieb zum Konzern, sondern zum weltweit erfolgreichsten Anbieter von Luxusreisen. Die Schweizer dehnten ihr Geschäft höchst erfolgreich aus – und verfolgten zunächst eine klare Zukunftsstrategie. Als das Internet aufkam, entdeckten sie neue Märkte: Ab 1996 setzten sie auf Indien. Nicht als Reiseland, sondern auf die neue indische Mittelschicht, die sich Europa anschauen will. Das Angebot: 19 Tage für 5020 Dollar, auch als Ratenzahlung möglich, wie das Magazin «Bilanz»in einem Bericht zum 100-Jahr-Jubiläum von Kuoni schrieb. Inzwischen ist Kuoni der grösste Reiseveranstalter in Indien und jeder dritte der knapp 12'000 Kuoni-Mitarbeiter ein Inder.

Suche nach einer Strategie gegen das Internet?

Die neue Strategie ging zwar auf, aber das klassische Geschäft des Konzerns rettete das nicht. Er wäre nicht nur in Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 fast gegroundet, weil die Buchungen fast gänzlich ausblieben und die Kasse leer war. Seit Beginn des neuen Jahrhunderts versuchte Kuoni krampfhaft, sich neu zu erfinden. Mit immer wieder wechselnden Konzernchefs. Zuletzt 2013, als Peter Rothwell den Sessel räumen musste und zunächst Finanzchef Peter Meier folgte, der letztes Jahr dann definitiv zum neuen CEO ernannt wurde.

Es war klar, dass man den Internet-Buchungen Paroli bieten musste. Deswegen setzte der Konzern auf die Betreuung der Reisenden am Zielort, das heisst auf den Transfer vom Flughafen ins Hotel oder auf Sightseeing-Touren. Kuoni baute auch den Visa-Service aus und übernahm von mehr und mehr Staaten die Bearbeitung von Visa-Anträgen für Reisende. Beide Geschäftsfelder will der Konzern nun weiterführen.

Noch 2013 gab es rote Zahlen

Der Wandel war zum Programm geworden, immer wieder lotete der Konzern neue Geschäftsbereiche aus, zum Teil mit Erfolg – und zum Teil ohne. Mit roten Zahlen hatte Kuoni in der jüngsten Vergangenheit zu kämpfen, erst 2013 machte das Unternehmen wieder Gewinn nach dem Ausstieg aus verlustbringenden Teilen des Europa-Geschäftes.

Das ehemalige Kerngeschäft als Reiseveranstalter, das 2009 noch 75 Prozent des Umsatzes ausmachte, will der Konzern nun verkaufen. Heute macht es lediglich 40 Prozent aus. Wer diesen Geschäftsbereich kaufen will, ist ungewiss. Bankanalysten meinen, es werde schwierig, einen Käufer zu finden.

Der Name der Kuoni-Reisebüros dürfte wohl erhalten bleiben – und die über 100-jährige Traditionsmarke damit im Schweizer Strassenbild überleben.

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