Zugunglück Neuhausen: «Der leichte Thurbo kann stark beschleunigen»
Aktualisiert

Zugunglück Neuhausen«Der leichte Thurbo kann stark beschleunigen»

Was geschieht, wenn ein Signal überfahren wird? Wo bringen sich Lokführer in Sicherheit, wenn ein Aufprall droht? Ein Experte beantwortet offene Fragen rund um den Unfall bei Neuhausen.

von
A. Hirschberg

Die Lokführer der beiden Züge wurden kaum verletzt. Wie konnten sie sich in Sicherheit bringen?

Walter von Andrian: In der Ausbildung lernen die Lokführer, dass sie bei einem drohenden Zusammenstoss den Führerstand verlassen müssen. Das heisst auf der Lokomotive Re 420 Flucht in den Maschinenraum, im Thurbo-Triebwagen in den Fahrgastraum.

Werden Züge, die ein Signal überfahren, immer automatisch gebremst?

Auf dem Bahnnetz gibt es ein Sicherungssystem mit Vorsignalen und Hauptsignalen. Passiert ein Zug ein Vorsignal, das Halt ankündigt, warnt ein Ton den Lokführer im Führerstand. Wird ein Hauptsignal unerlaubt überfahren, leitet das Sicherungssystem automatisch die Notbremsung ein.

Wie gross ist der Abstand zwischen Vorsignal und Hauptsignal?

Die Ausfahr-Vorsignale stehen meistens schon vor dem Bahnhof. Nach dem Halt im Bahnhof wirkt beim roten Ausfahr-Hauptsignal wieder die Zugsicherung, aber der Bremsweg reicht dann möglicherweise nicht mehr. In manchen Bahnhöfen gibt es zusätzliche Sicherungseinrichtungen, die eine Anfahrt gegen das rote Signal verhindern.

Als sich der Unfall ereignete, verliess der eine Zug gerade den Bahnhof, der andere fuhr ein. Die Züge waren also deutlich langsamer unterwegs.

Der von Schaffhausen einfahrende Doppelstockzug hatte zuvor bereits abbremsen müssen, weil auf den Einfahrweichen eines Bahnhofs nicht die volle Streckengeschwindigkeit zulässig ist. Der leichte Thurbo-Zug kann sehr stark beschleunigen und kommt schnell auf ein hohes Tempo.

Hat der schwerere Doppelstock-Zug den längeren Bremsweg?

Nein! Alle Züge haben lange Bremswege. Die Bremskräfte der Züge sind dem jeweiligen Gewicht angepasst, weshalb dieses nicht massgebend ist für den Bremsweg.

Beim Zusammenstoss wurde der Thurbo richtiggehend zerfetzt, während die rote Lok auf dem ersten Blick noch ziemlich ganz ist.

Der Thurbo-Triebwagen ist ein Leichtbau-Zug aus Aluminium. Die Lok hingegen ist aus Stahl. Beide Fahrzeugkästen haben sich relativ gut verhalten, sonst hätte es noch mehr Verletzte geben können. Die Führerstandspartien haben die Energie aufgenommen und wurden stark zerstört.

Sind solche Unfälle immer auf menschliches Versagen zurückzuführen?

Statistisch gesehen, ist die Mehrheit der Eisenbahn-Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen. Technische Ursachen kommen auch vor, sind aber eher selten.

*Walter von Andrian ist Chefredaktor und Herausgeber der Schweizer Eisenbahn-Revue und mehrerer anderer Fachzeitschriften im Bereich Bahn.

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