Libyen-Krise: Der Leitwolf des Westens will nicht mehr
Aktualisiert

Libyen-KriseDer Leitwolf des Westens will nicht mehr

Seit Jahrzehnten sind es die USA gewohnt, bei Militäreinsätzen des Westens vorneweg zu marschieren. Jetzt, im Libyen-Krieg, versuchen sie die Rolle des Leitwolfs abzustreifen.

von
Tom Raum
AP

Mit jedem Tag wird das US-Militär tiefer in einen möglichen Bodenkrieg gegen die Streitkräfte Muammar Gaddafis hineingezogen. Das wurde deutlich, als sich die NATO nach tagelangem Streit und hartem Ringen der Mitgliedsstaaten am Donnerstag daraufverständigte, mit der Durchsetzung des Flugverbots das Kommando nurfür einen Teil der Operation zu übernehmen.

Washington hatte gehofft, dass das Bündnis die Verantwortung auch für Angriffe auf Gaddafis Bodentruppen und andere Ziele zum Schutz der Zivilbevölkerung und zur Unterstützung humanitärer Hilfe übernehmen würde. Doch das hängt noch in der Luft.

Angriffe auf Lanuf in Libyen

So bleibt der härteste und umstrittenste Teil der Aktion Sacheder «Koalition der Willigen» mit den USA als Führungsmacht. Das ist eine Verantwortung, die Washington absolut nicht auf sich nehmen will. Das letzte, was Präsident Barack Obama braucht, ist Libyen am Hals zu haben.

Gaddafi wendet sich ans Volk

Der Irak und Afghanistan stellen finanziell und personell bereits eine solche Belastung dar, dass er sich noch einen Krieg in noch einem muslimischen Land kaum leisten kann. In knapp einer Woche hat der Libyen-Einsatz die USA schon beinahe eine Milliarde Dollar gekostet und Kritik beider Parteien im Kongress ausgelöst.

«Ich erwarte ein schnelles Handeln»

Überlegenheit der Supermacht

Die Regierung beharrt darauf, keine Bodentruppen nach Libyen zu entsenden. Doch es könnte schwierig werden, dabei zu bleiben. Weil die USA von Anfang an dabei gewesen seien, seien sie auch für das Ergebnis mitverantwortlich, sagt der aussenpolitische Experte Michael O'Hanlon vom Brookings-Institut. Wenn sich das Szenario so entwickle, dass Entscheidungen und weitergehende Massnahmen erforderlich seien, wären auch sie gefragt.

«Wenn also künftig weitere Militäroperationen notwendig sind, etwa zur Bewaffnung der Aufständischen, müssten wir vielleicht mit Spezialeinheiten eingreifen und dabei helfen. Ich kann mir alle möglichen Varianten vorstellen, wie wir in Zukunft mehr tun müssen, selbst wenn das jetzt nicht der Fall ist», meint O'Hanlon.

Die US-Streitkräfte haben derzeit nicht nur mit dem Irak, mit Afghanistan und Libyen zu tun. Auch vor Japan wurden nach dem Erdbeben und Tsunami 14 Kriegsschiffe mit Flugzeugen und 17 000 Seeleuten und Marines zusammengezogen. Ob es um Katastrophenhilfe in Japan geht oder um das Kommando bei Luftangriffen in Libyen - für ihre Verbündeten gelten die USA seit langem als unersetzliche Führungsmacht.

Schliesslich hat die einzig verbliebene Supermacht «einzigartige Fähigkeiten», wie es das Pentagon formuliert, weltweit einzugreifen. Die jährlichen Rüstungsausgaben sind zehn Mal höher wie die Chinas, das an nächster Stelle steht. Kein anderes Land verfügt über die Bomber, die Marschflugkörper, die Flugzeugträger, die Tankflugzeuge und die Kommandoeinrichtungen, wie sie die USA besitzen.

Keine Alleingänge mehr

Daher das Selbstvertrauen, mit dem Obama bei den Luftangriffen in Libyen die Führungsrolle übernahm. Doch er tat sich schwer, die westlichen Verbündeten zu überzeugen, der NATO die Führung zu übertragen, zumal auch über das eigentliche Ziel Verwirrung herrschte. Alleingängen wie unter seinem Vorgänger George W. Bush abgeneigt, setzte Obama zwei strenge Bedingungen für ein Eingreifen der USA in Libyen: keine US-Soldaten am Boden und kein Engagement ohne Beteiligung anderer Länder.

In letzter Zeit betont er, dass der Einsatz der Verbündeten den Schutz der Zivilbevölkerung bezweckt und nicht den Sturz des Despoten Gaddafi. Das allerdings passt nicht recht zu dem, was er anfangs gefordert hat: Gaddafi muss weg.

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