Essstörung: «Der Lockdown hat meine Essstörung verschlimmert»

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Essstörung«Der Lockdown hat meine Essstörung verschlimmert»

S.V.* (19) litt jahrelang an Anorexie und Bulimie. Sie sei aber auf dem Weg der Besserung gewesen, so S.V. Dann kam Corona, und sie schlitterte wieder tiefer in ihre Essstörung.

von
Anja Zingg
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S.V.* (19) kämpfte gegen Bulimie und Anorexie. Sie sei aber mittlerweile auf einem gut Weg gewesen, sagt sie.

S.V.* (19) kämpfte gegen Bulimie und Anorexie. Sie sei aber mittlerweile auf einem gut Weg gewesen, sagt sie.

Bild: zvg Privat
Früher war sie stark untergewichtig. Dann besserte sich ihr Zustand. Doch mit dem Corona-Lockdown kam auch ihre Angst vor dem Zunehmen zurück. 

Früher war sie stark untergewichtig. Dann besserte sich ihr Zustand. Doch mit dem Corona-Lockdown kam auch ihre Angst vor dem Zunehmen zurück.

Bild: zvg Privat
Sarah Stidwill ist Fachberaterin bei der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störung. Die Anfragen bei AES hätten während Corona stark zugenommen. «Nach wie vor haben wir deutlich mehr Betroffene und Angehörige, die sich bei uns melden.» 

Sarah Stidwill ist Fachberaterin bei der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störung. Die Anfragen bei AES hätten während Corona stark zugenommen. «Nach wie vor haben wir deutlich mehr Betroffene und Angehörige, die sich bei uns melden.»

Bild: zvg AES.ch

Darum gehts

  • Der Corona-Lockdown begünstigt Essstörungen.
  • S.V.* (19) erlebt genau das.
  • Ihre Essstörung wurde während des Corona-Lockdown wieder schlimmer.
  • Vielen habe die soziale Kontrolle gefehlt, so eine Expertin.

«Vor zwei Jahren war ich hochgradig magersüchtig. Es ging mir unglaublich schlecht», erzählt S.V. (19). Innert Wochen habe sie 20 Kilo abgenommen, wog, bei einer Grösse von 1,70 Metern, noch 37 Kilo. «Die Ärzte sagten, mehr Gewichtsverlust könnten sie nicht verantworten. Ich wurde gegen meinen Willen ins Spital eingeliefert.»

Vier Monate verbrachte die damals 17-Jährige im Spital. «Das Hauptziel in dieser Zeit war es, zuzunehmen. Trotz Therapie ging es mir psychisch danach nicht wirklich besser.»

Auf Anorexie folgte Bulimie

Zurück zu Hause, blieb es schwierig für S.V. «Ich machte mir unglaublichen Druck, da ich wusste, dass ich essen musste», sagt sie rückblickend. Jede Woche musste sie beim Arzt auf die Waage stehen, bei Gewichtsverlust drohte ein erneuter Spitalaufenthalt.

S.V. zwang sich zu essen. Aus dem zwanghaften Essen entwickelte S.V. eine Bulimie, eine sogenannte Ess-Brech-Sucht. «Mehrere Monate habe ich mich bis zu siebenmal täglich übergeben. Doch das ständige Erbrechen schwächte mich sehr, ich hielt es körperlich nicht aus. Eines Tages sagte ich mir, dass damit Schluss sein muss.»

«Am Samstag erlaubte ich mir, zu essen, was ich wollte»

S.V. war in psychologischer Behandlung. Doch am meisten half ihr ein Fitnesscoach: «Mit ihm erstellte ich einen Ernährungsplan, den ich eisern einhielt. Ich erbrach nicht mehr, überwand meine Bulimie.» V. nahm zu und konnte ihr Gewicht halten. Sie wurde lockerer. «Am Samstag gönnte ich mir jeweils einen Cheatday. Das heisst, ich ass, was auch meine Freunde oder meine Familie assen.» Eineinhalb Jahre funktionierte das für V. so gut, dass sie sich am Sonntag sogar einen zweiten Cheatday gönnte.

Essstörung während der Pandemie

Sarah Stidwill ist Fachberaterin bei der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störung (AES). «Essstörungen sind sehr unterschiedlich und verlaufen bei jedem anders. Aber wir stellen fest, dass der Corona-Lockdown und die damit einhergehenden Veränderungen die Essstörung vieler Betroffener massiv verschärft haben.» Bei vielen Personen sei in dieser Zeit die soziale Kontrolle weggefallen: «Vor Corona assen sie vielleicht über Mittag mit Schulfreunden oder Arbeitskollegen. Plötzlich waren sie den ganzen Tag allein. Niemand merkte, wenn sie gar nichts assen.» Bei anderen Betroffenen seien Essstörungen erst durch den Lockdown sichtbar geworden. «Sie mussten plötzlich regelmässig mit Angehörigen essen, ihr Essverhalten fiel auf.» Die Anfragen bei AES hätten während Corona stark zugenommen. «Nach wie vor haben wir deutlich mehr Betroffene und Angehörige, die sich bei uns melden.»

Doch dann brach Corona aus. Und mit dem Lockdown verschwanden die für S.V. so wichtigen Strukturen. «Ich spielte Volleyball und ging fünfmal die Woche nach der Arbeit ins Fitness. Von einem Tag auf den anderen war das nicht mehr möglich.» Die Angst vor dem Zunehmen kehrte zurück. «Ich traute mich kaum noch zu essen. Wenn ich schon nur einen Schleck Glace probiert habe, hatte ich das Gefühl, sofort dick zu werden.» Den Cheatday habe sie als Erstes gestrichen, danach fing sie an, draussen Sport zu machen. Aber es sei nicht dasselbe gewesen. S.V. zog die Schraube bei ihrem Diätplan wieder an, doch die Angst vor dem Zunehmen blieb.

Fitness offen – die Angst bleibt

Mittlerweile hat das Fitnesscenter wieder geöffnet, das Volleyball-Training findet wieder statt. «Es geht mir ein bisschen besser, da ich endlich meine Routine wieder habe. Gleichzeitig bin ich enttäuscht, weil ich nicht mehr von meinem Diätplan wegkomme.» Sie esse eigentlich jeden Tag das Gleiche, sieben Tage die Woche: «Zum Frühstück gibts Magerquark mit Früchten und ein bisschen Haferflocken, mittags gekochtes Gemüse mit Tofu und zum Nachtessen einen Salat aus Gurken, Tomaten und Ei, ein bisschen Poulet und dazu ein paar Maiswaffeln. Die Sauce lasse ich weg.» Den Cheatday gibt es nicht mehr.

Immerhin: Abgenommen hat S.V. nicht mehr. «Ich bin nicht magersüchtig», hält sie fest. «Aber es macht mich traurig, dass ich nicht mehr loskomme von meiner strikten Diät. Die Angst vor dem Zunehmen ist einfach zu gross.» Sie wünscht sich, dass sie bald die Kraft findet, die Cheatdays wieder einzuführen. «Ich möchte ohne Angst und Schuldgefühle essen können, worauf, ich Lust habe.»

* Name der Redaktion bekannt

Essstörungen

Was tun?

Dem Umfeld empfiehlt Sarah Stidwill, Fachberaterin bei AES, bei einem Verdacht Personen direkt anzusprechen. «Es soll ehrlich aus der Ichperspektive kommuniziert werden. So können Freunde oder Familienmitglieder etwa sagen: «Ich mache mir Sorgen, ich würde dir gerne helfen, aber ich weiss nicht, wie.» Vorwürfe sollten unterlassen werden.»

Du bist selbst von einer Essstörung betroffen oder eine dir nahestehende Person? Hier findest du Hilfe:
Arbeitsgemeinschaft Ess-Störung AES
www.aes.ch

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