Palace Gstaad: «Der Luxus der Gäste darf nicht auf mich abfärben»
Aktualisiert

Palace Gstaad«Der Luxus der Gäste darf nicht auf mich abfärben»

Er bezeichnet sich als Hüttenwart, dabei logieren in seinem Haus die Schönen und Reichen. Hotelier Andrea Scherz über Statussymbole, ausgefallene Wünsche und Verkaufsgerüchte.

von
S. Spaeth

Herr Scherz, viele Hotels sind zwischen Weihnachten und Neujahr seit Langem komplett ausgelastet. Wie wichtig ist diese Zeit für Sie als Hotelier?

Andrea Scherz: Für uns ist es die wichtigste Zeit des Jahres. Wir machen zwei Drittel unseres Umsatzes im Winter, ein wichtiger Teil davon entfällt auf die rund zwei Wochen zwischen Weihnachten und dem 6. Januar. Für diese Periode sind wir meist bereits zwölf Monate im Voraus ausgebucht.

Nächtigen bei Ihnen derzeit vor allem prominente Stammgäste?

Wir haben 90 Prozent Stammgäste. Und ja, es haben wiederum viele Prominente bei uns gebucht. Wir beherbergen in den nächsten Tagen beispielsweise einen berühmten Schauspieler und einen bekannten Regisseur. Namen werde ich aber keinen nennen, denn unsere Gäste wollen ihre Ruhe haben.

Das Palace gilt als Hort der Reichen und Schönen. Gehört man da als Gastgeber richtig dazu?

Nein, ich bin ein einfacher Berghotelier, der Hüttenwart. Ich gehöre nicht wirklich dazu. Unsere Aufgabe ist es, die Leute zu bedienen. Der Luxus der Gäste darf nicht auf mich abfärben. Das könnte dazu führen, dass ich mir einen Lebensstil aneigne, den ich mir nicht leisten kann. Manchmal laden mich Gäste in ihre Privathäuser oder Jachten ein. Ich gehe gerne hin, muss aber bei meinem Standard bleiben.

Wie wichtig ist Ihnen Luxus persönlich?

Luxus ist etwas Angenehmes und gehört zu meinem Job. Ich steige schon aus Berufsinteresse in Nobelhotels ab. Luxus ist für mich aber nicht nur das Gloriose. Luxus kann auch sein, Zeit zu haben, auf einer Alphütte eine gute Wurst zu essen.

Dann sagen Ihnen all die Statussymbole nichts?

Klar habe ich gerne Uhren und Autos. Die Produkte meiner Gäste sind aber nicht in meiner Liga. Ich kann auch Freude haben an einer Uhr von Fortis und meinem Skoda Yeti. Meine Gäste, die allen nur erdenklichen Luxus haben, sind nicht glücklicher als ich.

Die Luxusklientel hat den einen oder anderen Sonderwunsch: Wann sagen Sie, jetzt reichts?

Wir haben die Devise im Haus, nie Nein zu sagen. Und sollte es dennoch dazu kommen, bieten wir dem Gast eine Alternative an. Meist können wir aber alles erfüllen. Wir mussten für Gäste schon Schweine kaufen und ihnen diese später nach Deutschland liefern. Oder einer Dame, deren Hund nur ungern im Schnee sein Geschäft verrichtete, haben wir in der Dusche jeden zweiten Tag neuen Rollrasen aus Holland ausgelegt.

Gibt es auch Wünsche, bei denen Sie sich hintersinnen?

Wir hatten mal einen Gast mit einem ausgesprochenen Hygienefimmel. Alles musste mit Badetüchern ausgelegt werden und sie wusch sich nur mit Evian. Selbstverständlich haben wir das Mineralwasser geliefert.

In der Altjahrswoche klingeln Ihre Kassen. Was kostete die teuerste Flasche, die derzeit im Keller lagert?

Der teuerste Wein, ein Burgunder, kostet für den Gast 10 000 Franken. Es ist ein Domaine Romannée Conti 1995 – eine absolute Rarität. Bei uns findet man aber auch gute Weine für weniger als 100 Franken. Für besondere Anlässe haben wir noch einen 30 000 Franken teueren Cognac an Lager. In der Schweiz gibt es nur drei dieser Flaschen.

Ihre Gäste haben höchste Erwartungen: Haben Sie als Gastgeber eigentlich noch Lampenfieber vor dem grossen Weihnachtsdinner und der Silvestergala?

Ich bin trotz der vielen Erfahrung noch nervös. Die Tage zwischen Weihnachten und dem 7. Januar sind sehr stressig. Es kann immer irgendetwas schiefgehen: Stromausfall, Feuer, Lieferengpass oder eine Viruserkrankung, die einen grossen Teil der 300-Personen-Crew flachlegt.

Die Luxushotellerie in der Schweiz hat keine einfache Zeit hinter sich: starker Franken, Gäste, die weniger lange bleiben und immer preissensibler werden. Wie sehen Sie die Zukunft für ihre Branche?

Die Zukunft macht mir schon Sorgen. Der starke Franken sorgt für Umsatzeinbussen. Zudem haben wir hohe Lohn- und Lebensmittelkosten und einen ständig steigenden Bürokratieaufwand. Die Gewinnmarge sinkt dauernd. Den Tod unseres Hotels werden aber nicht fehlende Gäste verursachen, wir werden in den vielen Vorschriften ersticken. In den letzten 17 Jahren hat sich der administrative Aufwand verdoppelt, aber nicht der Umsatz.

Dann ist der Staat schuld an der Misere?

Dem Staat ist nicht bewusst, welch wichtige Bereiche Tourismus und Hotellerie sind. Verglichen mit anderen Wirtschaftszweigen hilft die Regierung uns nur dürftig. Gegenüber dem Ausland, wo der Tourismus stark gefördert wird und von Steuervergünstigungen profitiert, passiert in der Schweiz überhaupt nichts. Doch wir müssen uns selbst helfen, solange wir noch können.

Sie sind einer der letzten Familienbetriebe in der Schweizer Luxushotellerie. Wird das ewig so bleiben?

Das wäre mein Traum. Ich bin sehr stolz, dass wir das Palace bereits in dritter Generation als Familienunternehmen führen können. Noch ist nichts geplant, aber ich wünsche mir, dass mein derzeit 14-jähriger Sohn den Betreib dereinst weiterführt. Er muss aber aus eigener Überzeugung Hotelier werden, denn nur so macht er es richtig gut.

Wie häufig kommen Übernahmeanfragen von grossen Hotelgruppen?

Übernahmeangebote gibt es immer wieder, im Schnitt alle eineinhalb Jahre. Gerüchte, wir würden verkaufen, gibt es fast jeden Monat. Bei den riesigen Summen, die mir bereits geboten wurden, bin ich auch schon ins Grübeln gekommen. Ein Verkauf kommt aber nicht in Frage. Das wäre so, als würde ich meine Schwester verkaufen.

Teuerstes Zimmer: 16'000 Franken

Das 5-Sterne-Haus Palace in Gstaad ist eines der berühmtesten Hotels der Schweiz. Es wurde bereits 1913 gegründet und wird von der Familie Scherz in dritter Generation geführt. Inhaber und Direktor ist seit 2001 der 44-jährige Andrea Scherz. Das Palace zählt rund 100 Zimmer und 200 Betten. In der Hochsaison im Winter zählt der Betrieb in Hotellerie, den fünf Restaurants und dem Spa-Bereich 300 Angestellte. Der durchschnittliche Zimmerpreis beträgt rund 900 Franken pro Tag, die teuerste Suite schlägt mit rund 16'000 Franken zu buche. (sas)

Deine Meinung