Arabischer Frühling: Der Märtyrer, der vielleicht gar keiner war
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Arabischer FrühlingDer Märtyrer, der vielleicht gar keiner war

Der gedemütigte Gemüsehändler Mohamed Bouazizi verbrannte sich in Tunesien öffentlich und löste so die Revolutionen im arabischen Raum aus. Doch seine Geschichte weist Lücken auf.

von
kub

Jede Revolution erzeugt ihre Mythen, kreiert Helden. Als sich am 17. Dezember 2010 der Gemüsehändler Mohamed Bouaziz auf dem Markt von Sidi Bouzid mit Benzin übergoss und anschliessend anzündete, löste das kleine Streichholz einen ganzen Flächenbrand aus. Der tunesische Präsident Ben Ali wurde 28 Tage später aus dem Land verjagt, die Ägypter, angestachelt durch die Ereignisse in Tunesien, machten es ihnen Wochen später nach. Libyen, Jemen, Syrien, Bahrain – der Arabische Frühling kam ins Rollen. Eine Ikone des Widerstands gegen korrupte Regierungen war geboren. Laut italienischen Medien gibt es für Bouaziz' Geschichte bereits ein Filmprojekt.

Mohamed Bouazizi wurde von der medialen Welt zum Helden erkoren. Der Selbstmord des 26-jährigen einfachen Mannes wurde für die Medien auf der ganzen Welt zum Protest gegen das autoritäre Regime von Ben Ali. Journalisten hatten ihre symbolträchtige Geschichte. Bouazizi verbrannte sich, weil er sich mit der Regierungsbeamtin des Städtchens Sidi Bouzid darüber stritt, wo er sein Gemüse und seine Früchte verkaufen dürfe. Sie wies ihn zurecht, schikanierte ihn angeblich. Dann schlug ihm die Frau ins Gesicht – eine schlimme Beleidigung in einer patriarchalen Gesellschaft.

Eine andere Version der Geschichte

Eine Journalistin des britischen Observers hat die Regierungsbeamtin kürzlich getroffen. Die 46-jährige Fedia Hamdi musste wegen dieser Ohrfeige am 28. Dezember vier Monate ins Gefängnis. Wohl ein Befehl von oben, um die Randalierer im Land zu beschwichtigen. «Ich fühlte mich wie ein Sündenbock», sagt die städtische Inspektorin zur Reporterin. «Ich habe Bouazizi nie geschlagen. Die Ohrfeige war erfunden», sagte sie.

Hamdis Version der Geschichte unterscheidet sich in kleinen, entscheidenden Details, schreibt die britische Journalistin in Der Freitag. Sie habe ihn nur vom Platz vor dem Stadthaus an einen anderen Ort weggewiesen. Bouazizi sei daraufhin so in Rage geraten, dass sie ein paar Bananen und Paprikas beschlagnahmt habe. Der Händler rannte zur Polizei, dann zum Gouverneur und wurde überall abgewiesen. Dann zündete er sich an - wohl aus Frust. Später im Krankenhaus wurde er von Präsident Ben Ali besucht, begleitet von einem Medientross. Das Bild der beiden ging um die Welt. Ben Ali nützte diese Geste nichts mehr. Er musste ins Exil. Bouazizi soll am 4. Januar gestorben sein.

Viele zweifeln die Geschichte des Märtyrertods an

Am 19. April wurde Hamdi in allen Punkten freigesprochen. Es stellte sich heraus, dass es für die Ohrfeige nur einen einzigen Zeugen gab – einen Strassenhändler, der einen Groll auf die Beamtin Hamdi hegte.

Das Heldenepos über den Gemüsehändler bröckelt. In seiner Heimatstadt Sidi Bouzid zweifeln einige Bürger jetzt sogar an, dass sich Bouazizi absichtlich umbringen wollte. Es sei ein fataler Unfall gewesen, er habe sich nur eine Zigarette anzünden wollen. Ein dummes Missgeschick.

Nach der Freilassung von Hamdi wurden die Fotos vom Gemüsehändler in der Stadt abgenommen, Graffitis mit seinem Namen übermalt. Der Place de Mohamed Bouazizi wieder unbenannt. Anders im Ausland, vor allem in Frankreich. Dort wurden zahlreiche Strassennamen auf Bouazizi geändert. Ein Gewerkschaftsangehöriger hat gegenüber der französischen Zeitung Libération ausgesagt, dass die ganze Geschichte vom angeblich diplomierten und arbeitslosen Hochschulabsolventen Bouazizi erfunden sei. «In der Tat, wir haben uns das alles ausgedacht», so der Mann, der nicht namentlich genannt werden wollte. Bouazizi habe kein Diplom und sei ein unpolitischer Mensch. Das tunesische Bildungsbürgertum mit dem fingierten Diplom und die konservative Landbevölkerung mit der schlagenden Beamtin sollen so zu Protesten gegen das Regime motiviert werden.

Ein zweiter Bouazizi

Unterdessen hat ein Fernsehteam von France 24 enthüllt, dass Bouazizis Facebook-Einträge nach seiner Selbstverbrennung und vor seinem Tod nicht von ihm selber stammen sollen, schreibt BBC Online. Die Gedichte und revolutionären Slogans seien von einem jungen Aktivisten, einem Namensvetter, gepostet worden.

(France 24-Bericht zum falschen Bouazizi)

Die Familie des wahren Bouazizi hat indessen aus dem weltweiten Medienrummel Kapital geschlagen. Für die zahlreichen Interviews wird sie bezahlt. Kritisiert - sicher auch von vielen Neidern - wurde im besonderen, dass die Familie von Ben Ali 10 000 Euro als Entschädigung erhielt. Die Familie ist dank des Geldes in eine schöne Wohnung in La Marsa umgezogen, einem edlen Vorort von Tunis.

Was auch immer vom Heldenepos von Mohamed Bouazizi bleibt, eines hat sich in seiner Heimatstadt Sidi Bouzid geändert. Die Gemüsehändler können ihre Karren nun vor städtischen Gebäuden abstellen. Sie haben keine Angst mehr. «Es ist illegal, aber seit der Revolution behelligt uns niemand mehr», sagte ein Händler.

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