Muharrem Ince: Der Mann, der Erdogan gefährlich werden kann
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Muharrem InceDer Mann, der Erdogan gefährlich werden kann

Die Opposition in der Türkei ist zum ersten Mal im Aufwind. Der Mann mit den grössten Chancen bei der Wahl: ein ehemaliger Physiklehrer, der sich über Erdogan lustig macht.

von
mlr
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Der türkische Präsidentschaftskandidat der CHP, Muharrem Ince (54), begeistert – wie hier in Corlu am 20 Juni 2018 – die Massen.

Der türkische Präsidentschaftskandidat der CHP, Muharrem Ince (54), begeistert – wie hier in Corlu am 20 Juni 2018 – die Massen.

AP
In den vergangenen Wochen absolvierte Ince doppelt so viele Wahlkampfauftritte wie Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan. Hier jubeln dem Ex-Physiklehrer am 21. Juni Anhänger in Izmir zu.

In den vergangenen Wochen absolvierte Ince doppelt so viele Wahlkampfauftritte wie Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan. Hier jubeln dem Ex-Physiklehrer am 21. Juni Anhänger in Izmir zu.

Getty Images/Chris Mcgrath
Tausende Menschen versammelten sich in Izmir zu Inces Auftritt. Dieser greift Erdogan direkt an: Die Türkei wolle «keinen erschöpften Mann, der schreit und tobt, sondern jemand Jüngeres, Gelasseneres», glaubt er.

Tausende Menschen versammelten sich in Izmir zu Inces Auftritt. Dieser greift Erdogan direkt an: Die Türkei wolle «keinen erschöpften Mann, der schreit und tobt, sondern jemand Jüngeres, Gelasseneres», glaubt er.

AP/Emre Tazegul

Mit Muharrem Ince, dem Kandidaten der säkularen Republikanischen Volkspartei (CHP), trifft der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erstmals auf einen ernst zu nehmenden Herausforderer. Der ehemalige Physiklehrer nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, Erdogan zu kritisieren.

Er macht sich über ihn lustig, und wenn Erdogan ihn «armselig» nennt, kontert Ince, er sei tatsächlich der Vertreter armer Leute, während Erdogan nur noch in seinem Palast lebe, wie «Die Zeit» schreibt. Der Sohn eines Lastwagenfahrers wohnt selbst mit Frau und Sohn in einem bescheidenen Einfamilienhaus in seinem Heimatdorf Elmalik bei Yalova.

Die Massen lieben seinen Humor

«Die Türkei will atmen, sie will Frieden, sie will Ruhe», sagte Ince kürzlich in einem Interview. «Sie will keinen erschöpften Mann, der schreit und tobt, sondern jemand Jüngeres, Gelasseneres.» Seit 16 Jahren polarisiere und spalte Erdogan die Gesellschaft, er werde jedoch «ein Präsident sein, der vereint».

Inces energische Reden, seine hemdsärmelige Art und sein Humor kommen bei den Massen an. In den vergangenen Wochen absolvierte er doppelt so viele Wahlkampfauftritte wie Erdogan. Selbst in der Kurdenmetropole Diyarbakir und in konservativen Vierteln Istanbuls zog der CHP-Abgeordnete grosse Menschenmassen an. Volksnähe war bisher Erdogans Markenzeichen – doch mit seiner oft populistischen Rhetorik machte Ince ihm Konkurrenz.

Ince hofft auf eine Stichwahl

Der 54-Jährige will als Präsident für alle Menschen in der Türkei da sein. Ince liegt im direkten Vergleich zwar deutlich hinter Erdogan, was die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 24. Juni anbelangt. Aber er hofft auf eine Stichwahl am 8. Juli. Die CHP hat zuletzt 1950 den Präsidenten gestellt und 1979 den Regierungschef. In den vergangenen Jahren kam die frühere Staatspartei von Mustafa Kemal Atatürk bei Wahlen nie über 26 Prozent.

Um seine Wählerbasis zu erweitern, streckte Ince daher auch den Kurden und den Konservativen die Hand aus, die der CHP traditionell mit Misstrauen gegenüberstehen. Die CHP ist zudem ein Bündnis mit der rechtsnationalen IYI-Partei und der islamischen Saadet-Partei eingegangen.

Viele religiöse Wähler haben den kemalistischen Eliten nicht vergessen, dass sie ihren Töchtern den Zugang zur Universität verwehrt haben, weil sie Kopftuch trugen. Im Wahlkampf betonte Ince daher bei jeder Gelegenheit, dass er selbst aus einer religiösen Familie stamme und auch seine Mutter Kopftuch trage.

«Er ist einer von uns»

Menschen aus seiner Heimat verlieren nur lobende Worte über ihn. «Ince hat nach der Schule Tiere gehütet, Kühe gemolken, im Garten gearbeitet und bei der Apfelernte geholfen. Er ist einer von uns», zitiert die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) Weggefährten aus Elmalik. Und ein ehemaliger Schüler des Ex-Lehrers aus Yalova betont, wegen Inces Witz sei Physik sein liebstes Fach gewesen. «Ich hatte nur Flausen im Kopf, aber dank ihm habe ich schliesslich sogar die Matura geschafft», sagt er der NZZ.

Den Kurden, deren Existenz als eigenständige Volksgruppe die CHP über Jahrzehnte nicht anerkannt hat, versprach Ince Unterricht in kurdischer Sprache und mehr Autonomie. «Die Türkei wird frei sein», versprach Ince bei seinen Kundgebungen.

Palast soll Universität werden

Als Präsident will er den Wechsel zum umstrittenen Präsidialsystem rückgängig machen, das bei einem Volksentscheid im April 2017 knapp gebilligt worden war. Er will den Ausnahmezustand aufheben und die Demokratie, die Rechtsstaatlichkeit und die Meinungsfreiheit wiederherstellen. Erdogans prächtigen Palast mit 1000 Zimmern in Ankara will er dem Volk übergeben und zu einer Universität umwandeln, wie «Spiegel Online» schreibt.

Im Wahlkampf versprach Ince zudem, das beschädigte Verhältnis zum Westen zu kitten, schlug gegenüber Israel und den USA aber auch scharfe Töne an. So drohte er den USA mit der Ausweisung ihrer Soldaten, wenn sie den islamischen Prediger Fethullah Gülen nicht ausliefern, der für den Putschversuch von Juli 2016 verantwortlich gemacht wird. Israel griff er wegen der Behandlung der Palästinenser im Gazastreifen hart an. Mit Syriens Präsident Bashar al-Assad möchte Ince wieder Kontakt aufnehmen, die syrischen Flüchtlinge aber baldmöglichst nach Hause schicken. Nicht für alle ist Ince ein Hoffnungsträger.

Diese Präsidentschaftskandidaten stehen in der Türkei zur Wahl:

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Das sind die KandidatenRecep Tayip Erdogan Der ebenso charismatische wie umstrittene Politiker regiert die Türkei seit 15 Jahren. 2003 wurde er erstmals zum Regierungschef gewählt, 2014 übernahm er das Präsidentenamt.

Das sind die KandidatenRecep Tayip Erdogan Der ebenso charismatische wie umstrittene Politiker regiert die Türkei seit 15 Jahren. 2003 wurde er erstmals zum Regierungschef gewählt, 2014 übernahm er das Präsidentenamt.

AP/Lefteris Pitarakis
Unter der Regierung seiner islamisch-konservativen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hat das Land einen beispiellosen Wirtschaftsboom erlebt, doch hat der 64-Jährige die Gesellschaft mit seinem zunehmend autoritären und repressiven Kurs gespalten.

Unter der Regierung seiner islamisch-konservativen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hat das Land einen beispiellosen Wirtschaftsboom erlebt, doch hat der 64-Jährige die Gesellschaft mit seinem zunehmend autoritären und repressiven Kurs gespalten.

Für die Wahlen ist Erdogan ein Bündnis mit der ultrarechten Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) von Devlet Bahceli (r.) eingegangen, mit dem er seit dem Putschversuch von Juli 2016 kooperiert.

Für die Wahlen ist Erdogan ein Bündnis mit der ultrarechten Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) von Devlet Bahceli (r.) eingegangen, mit dem er seit dem Putschversuch von Juli 2016 kooperiert.

AFP/Aris Messinis

(mlr/afp)

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