450 Jahre Galilei: Der Mann, der es mit dem Papst aufnahm
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450 Jahre GalileiDer Mann, der es mit dem Papst aufnahm

Der Astronom und Erfinder Galileo Galilei hat das Weltbild der Menschen verändert und prägt die Wissenschaft bis heute. Probleme machte ihm dagegen die katholische Kirche.

von
lmm

Das Jahr 1564 hat herausragende Eckdaten der europäischen Kunst- und Wissenschaftsgeschichte gesetzt. Am 18. Februar stirbt mit dem genialen Michelangelo einer der vielseitigsten italienischen Künstler aller Zeiten. Drei Tage zuvor erblickt Galileo Galilei im toskanischen Pisa das Licht der Welt. Im selben Jahr wird auch der britische Dramatiker William Shakespeare geboren.

Aus Galilei sollte einer der bedeutendsten Astronomen, Mathematiker, Physiker und Philosophen werden. Seine Erfindungen und Entdeckungen waren teilweise revolutionär, der Vatikan stempelte ihn zum Ketzer. Europa verbeugt sich heute so vor seinem grossen Pionier: Es nennt sein Milliarden-Grossprojekt der Satellitennavigation «Galileo».

Begründer der modernen Physik

Der Begründer der modernen, auf Experimenten beruhenden Physik widmet sich bereits als Student den Gesetzen der Pendelschwingungen, untersucht die Fallgesetze und erfindet die hydrostatische Waage für die spezifischen Gewichte.

Im Alter von nur 28 Jahren wird der hochbegabte Toskaner in Padua Professor, entdeckt mit einem von ihm verbesserten Fernrohr Mondberge und die Phasen der Venus. Ein Meilenstein ist seine Erkenntnis, dass unzählige Sterne die Milchstrasse bilden.

Nebenbei erfindet er auch viel Kurioses, so etwa einen automatischen Tomatenpflücker oder einen Taschenkamm, der auch als Besteck verwendet werden kann.

Konflikt mit Vatikan

1615, als er bereits fünf Jahre in Florenz tätig ist, beginnt sein Konflikt mit dem Vatikan. Sein Hauptwerk sollte der «Dialog über die zwei grossen Weltsysteme» sein. Galilei schafft es mit seinem intensiven Blick in das Sonnensystem, wissenschaftlich zu beweisen, was von Nikolaus Kopernikus bereits 1514 als Theorie aufgestellt worden ist: Die Sonne ist der Stern unseres Systems, um den alle Planeten kreisen, also auch die Erde. Er begründet damit das heliozentrische Weltbild, das im Widerspruch zur Bibel zu stehen scheint.

Das päpstliche Inquisitionsgericht verurteilt seine Abkehr vom «ptolemäischen Weltbild» als Irrtum, verbietet Galilei die Verbreitung und setzt die Kopernikus-Schrift auf den Index. Doch der toskanische Astronom lässt nicht locker, studiert das Sonnensystem weiter und landet so zu einem entscheidenden Showdown vor Gericht.

Kirchliches Weltbild zu Fall gebracht

Dass der Sternengucker und Tüftler, Sohn eines Musikers aus einem pisanischen Patriziergeschlecht, mit dem von ihm selbst verbesserten Fernrohr aus Holland die Milchstrasse und Mondoberfläche erforscht, die ersten vier Jupiter-Monde entdeckt und sich den Sonnenflecken widmet – das alles hat dem mächtigen Vatikan anfangs durchaus gefallen. Die päpstlichen Gelehrten schätzen den Begründer der modernen Astronomie, bis der unbeirrbare Galilei das Weltbild der katholischen Kirche zu Fall bringt: Sie sie ist überzeugt, dass sich alles um die Erde dreht.

Das zweite Mal also bringen die Jesuiten den ebenso emsigen wie aufmüpfigen Gelehrten vor die vatikanische Justiz. 1633 urteilt das Inquisitionsgericht, er müsse abschwören. Offen ist, ob Galilei, zunächst zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die ihm abgetrotzte Abschwörung wirklich mit dem seither weltbekannten Spruch «Eppur si muove» quittiert hat: «Und sie (die Erde) bewegt sich doch!».

Immerhin ist Papst Urban gnädig genug, die Haftstrafe in eine Art Hausarrest umzuwandeln: Der ketzerische Wissenschaftler wird auf seinen Landsitz in Arcetri bei Florenz verbannt. Neun Jahre später, am 8. Januar 1642, stirbt der erblindete Wissenschaftler, der das Weltbild der Neuzeit umwarf, im Alter von 77 Jahren.

Wiedergutmachung nach 350 Jahren

Und der Vatikan? Mehr als 350 Jahre mussten vergehen, bis die katholische Kirche mit Galilei 1992 ihren Frieden machen konnte. «Merkwürdigerweise zeigte sich Galilei als aufrichtig Glaubender weitsichtiger als seine theologischen Gegner», sagte Johannes Paul II. in einer historischen Wiedergutmachungsrede am 31. Oktober 1992.

«Nie wieder ein Fall Galilei», so wollte der polnische Papst Kirche und Wissenschaft versöhnen. Enttäuscht waren manche nur darüber, dass Johannes Paul II. defensiv meinte, Galileis Richter hätten bei ihrem Prozess gegen ihn «in gutem Glauben» gehandelt. Der inzwischen um mehr Transparenz bemühte Vatikan gab später sämtliche Akten zu den Verhandlungen gegen den «Ketzer» Galileo Galilei heraus. (lmm/sda)

Die drei Kränkungen der Menschheit

Die Kernthese, die Galileo Galilei vertrat, krempelte das Weltbild der Menschen um: Die Erde gilt nicht mehr als Mittelpunkt des Weltalls. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud (1856-1939) nannte dies die erste Kränkung der Menschheit und fügte noch zwei hinzu.

1) Galilei setzt sich für die These von Nikolaus Kopernikus ein, dass die Erde um die Sonne kreist, und holt damit die Heimat des Menschen aus dem Mittelpunkt des damaligen Weltbildes. Kurz nach 1500 hatte Kopernikus diese verdrängte Idee antiker griechischer Astronomen aufgegriffen, sein Werk jedoch jahrzehntelang nicht veröffentlicht. Dies geschah erst kurz vor seinem Tod und erregte zunächst wenig Aufsehen.

2) Der britische Naturforscher Charles Darwin veröffentlicht 1859 seine Evolutionstheorie. Dass der Mensch von Tieren abstammt, ist ein weiterer Schlag für das Selbstverständnis der Menschen. Obwohl sein Werk gerade von der Kirche stark angegriffen wird, bezeichnet Darwin weder sich noch seine Theorie als atheistisch.

3) Das Selbstverständnis der Menschen erhält von Freud selber um 1900 einen weiteren Hieb: Der Mensch wird demnach unter anderem von unbewussten Vorgängen wie etwa seinen Trieben gesteuert, vor allen vom Sexualtrieb.

Es gibt diverse Vorschläge zu weiteren Kränkungen der Menschheit. Der Medienjournalist Sascha Lobo zählte in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» jüngst «den durch Edward Snowden aufgedeckten Spähskandal, die Totalüberwachung des Internets», dazu: «Die vierte, digitale Kränkung der Menschheit: Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt.» (sda)

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