Belgien: Der Mann, der nie Regierungschef werden wollte
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BelgienDer Mann, der nie Regierungschef werden wollte

«Ministerpräsident? Nein danke» - so äusserte sich Herman Van Rompuy noch vor einer Woche im belgischen Fernsehen. Jetzt hat König Albert II. den flämischen Christdemokraten dennoch mit der Regierungsbildung beauftragt.

Nach dem Rücktritt seines Parteifreunds, des glücklosen Ministerpräsidenten Yves Leterme, soll Van Rompuy Belgien aus der Krise führen. Über die nötige Erfahrung verfügt der 61-Jährige.

Seine politische Karriere begann er im Alter von 26 Jahren als Vorsitzender der Jugendorganisation seiner Partei CD&V. Nur zwei Jahre später, 1975, wurde Van Rompuy Berater des damaligen Ministerpräsidenten Leo Tindemans. 1988 wurde er Parteivorsitzender, in den 90er-Jahren konsolidierte er als Finanzminister den bis dahin chronisch defizitären Staatshaushalt. Zuletzt machte er sich auch als Vermittler im Sprachenstreit zwischen niederländischsprachigen und frankophonen Belgiern, also Flamen und Wallonen, verdient.

Van Rompuy selbst ist Flame und tritt wie die meisten Politiker seiner Partei entschieden für die Interessen seiner Bevölkerungsgruppe ein, wird aber selbst von frankophonen Medien als überzeugter Anhänger des belgischen Bundesstaats dargestellt. Er gehöre einer aussterbenden Generation flämischer Politiker an, die auch die andere Seite kennen würden und ein gewisses Verständnis für die Wallonen aufbrächten, schreibt die französischsprachige Zeitung «Le Soir». Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass Van Rompuy im zweisprachigen Brüssel geboren wurde und bis heute in der Nähe der Hauptstadt lebt.

«Niemand will die Macht»

Theoretisch hätte der Christdemokrat schon im Herbst 2007 Ministerpräsident werden können, als sein Parteifreund Leterme nach monatelangem Streit mit den frankophonen Politikern seine Bemühungen zur Regierungsbildung für gescheitert erklärte. Van Rompuy wurde damals als Vermittler eingesetzt und räumte einige Streitpunkte aus, überliess dann aber wieder Leterme das Feld.

Ein Akt reiner Selbstlosigkeit war das wohl nicht. Van Rompuys bis zuletzt an den Tag gelegte Zurückhaltung erkläre sich eher damit, dass er «genau weiss, in welches Wespennest er sich begibt», schrieb am Montag die flämische Zeitung «De Standaard». Der 61-Jährige, der sich auf seiner Website als begeisterter Leser und Liebhaber japanischer Haikus präsentiert, scheute nach eigener Auskunft auch den mit dem Amt des Ministerpräsidenten verbundenen Stress: «Ich mag diese Lebensweise nicht, die sehr chaotisch ist und mit einer sehr hohen Verantwortung verbunden», sagte er vor einem Jahr der Zeitung «Le Soir».

Nun muss Van Rompuy diese Verantwortung doch schultern. Hätte er auf seinem Nein beharrt, so hätte seine Partei das Amt des Regierungschefs an einen ihrer Koalitionspartner abtreten müssen. Denn innerhalb der CD&V fand sich ausser Van Rompuy kein geeigneter Kandidat, der den Posten auf längere Sicht übernehmen wollte. «In Belgien liegen die Dinge derart im Argen, dass niemand die Macht haben will», kommentierte «De Standaard.» (dapd)

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