Timo Helbling: Der Mann fürs Grobe
Aktualisiert

Timo HelblingDer Mann fürs Grobe

NLA-Strafbankkönig Timo Helbling (29) ist an dieser WM unser Mann fürs Grobe. Dabei musste er an der Endrunde in Deutschland noch gar nie auf die Strafbank.

von
Klauss Zaugg
Mannheim

Timo Helbling ist kein Star wie Mark Streit oder Mathias Seger oder Goran Bezina. Für diese Rolle ist er zu wenig produktiv (noch kein Skorerpunkt an dieser WM) und er hat auch nicht das Charisma eines Leitwolfes. Der Hägendorfer ist im besten Sinne ein «Rollenspieler». Einer, der dann am besten ist, wenn er eine klar definierte Rolle zugewiesen bekommt.

Vielleicht ist das ja der Grund, warum Helbling in der Nationalmannschaft gegen die Besten der Welt «funktioniert» und warum er in der NLA nicht glücklich wird.

Bei Lugano auf der schwarzen Liste

In Lugano ist er von Sportchef Roland Habisreutinger offiziell auf die schwarze Liste mit den Spielern gesetzt worden, die er trotz weiterlaufendem Vertrag nicht mehr haben will. «Es stimmt, mein Name steht auch auf dieser Liste», bestätigt Helbling. «Das ist kein Problem für mich. Wenn Lugano mit einem Vorschlag kommt, dann werde ich den prüfen. Aber jetzt will ich mich erst mal auf diese WM konzentrieren und mag ich mich nicht mit dieser Situation beschäftigen.» Er habe jedenfalls die Koffer in Lugano noch nicht gepackt.

Eigentlich ist Helbling ein Opfer der Misswirtschaft in Lugano: Seit drei Jahren wird die Leistungskultur durch zu viele Trainerwechsel (Zanatta, Slettvoll, Virta, Ruhnke, Johansson und Bozon) verdorben. Zwischendurch leitete sogar schon mal Sportchef Habisreutinger das Training.

«Enttäuschend, wenn das nicht erkannt wird»

Kein Wunder, dass keiner die Zeit hatte, die Qualitäten Helblings zu erkennen und ihm die richtige Aufgabe zuzuweisen. «Ich habe in diesen drei Jahren auf und neben dem Eis alles getan um gut Eishockeyspielen zu können. Es ist schon enttäuschend, wenn dies nicht erkannt wird», sagt er.

Welchen Wert er für eine Mannschaft haben kann, wenn ein kompetenter Coach ihn richtig einsetzt, hat sich an dieser WM beim 4:1 gegen Kanada gezeigt. Nationalcoach Sean Simpson hat während der WM-Vorbereitung durch alle Böden hindurch an Helbling festgehalten. Um im Bedarfsfall einen physisch starken Verteidiger zur Hand zu haben. Es ist seine umstrittenste WM-Nomination. Aber entscheidend für den Erfolg ist die richtige Mischung. Es gilt, das Talent der offensiven Schmetterlinge zu schützen und in der eigenen Zone Spieler zu haben, die in den Zweikämpfen jeden Gegenspieler einschüchtern können. Es braucht auch Männer fürs Grobe. Allen voran Helbling. Es ist dieser Mix aus Tempo, Kreativität und Härte, der die Schweizer bisher so erfolgreich machte.

Hart aber fair

Helbling ist während der WM-Vorbereitung richtiggehend aufgeblüht. Sein 54. Länderspiel gegen Kanada war sein bisher bestes. Der Modellathlet (189 cm, 100 kg) war mit seinem Mut, seiner Wucht und Kraft und Härte ein Schlüsselspieler gegen die NHL Profi und ging mit einer +3-Bilanz vom Eis.

Ein Check erschütterte die Kanadier in den Grundfesten: NHL-Torschützenkönig Steve Stamkos (188 cm, 90 kg) schleppte sich nach einem fürchterlichen Zusammenprall mit Helbling in die Kabine. Ob er an dieser WM noch einmal eingesetzt werden kann, war nach dem Spiel offen. Cheftrainer Craig McTavish jammerte hinterher, Helbling habe Stamkos mit einem Ellenbogencheck ausser Gefecht gesetzt. Das Video stützt diese These nicht. Sondern Helblings Aussage. «Diesen Zweikampf hatte ich nicht gesucht. Stamkos ist in meinen Ellenbogen hineingelaufen.» Helbling spielt bei seiner zweiten WM nach 2006 hart. Aber fair. Er musste an dieser WM noch nie auf die Strafbank.

Wieder ein Angebot aus der NHL?

Vielleicht kommt ja für Helbling wieder ein Angebot aus der NHL. Er ist ein vergessener Pionier: Er hat nach seiner Ausbildung in Davos (dort hat er das Sportgymnasium besucht und wechselte mit 19 nach Amerika) mehr Spiele in Übersee bestritten als jeder andere Schweizer: 391 Partien bei den Junioren und in den Farmteamligen und elf sogar in der NHL mit Tampa und Washington. Dabei hat er 96 Skorerpunkte produziert (einen davon in der NHL) und gelernt, böse zu sein: Hart, beinhart im Zweikampf.

Mit 168 Strafminuten ist er mit Abstand «bösester» Spieler der abgelaufenen NLA-Spielzeit und es war schon seine vierte Saison mit mehr als 100 Strafminuten. Dabei hat einst alles mit einer sanften Brise angefangen: In seiner ersten NLA-Saison 1998/99 in Davos musste er in 44 Partien bloss acht Strafminuten verbüssen.

Nun ist er böse geworden. Aber «böse» zu sein ist nur im Schwingen, nicht aber im Eishockey ein uneingeschränktes Lob.

Schweiz mit Gerber

Sean Simpson schenkt für das erste Zwischenrundenspiel gegen Tschechien (Samstag, 20.15 Uhr live bei 20 Minuten Online) wieder Martin Gerber das Vertrauen. Der Emmentaler bestritt schon die Partien gegen Lettland und Italien.

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