22.04.2018 10:37

Genick gebrochenDer «Mann mit dem Heiligenschein» ist zurück

Keiner war schneller als Ironman Tim Don. Dann brach sich der 40-jährige Brite das Genick. Nach sechs Monaten ist er zurück an der Startlinie. Ein Interview.

von
Sulamith Ehrensperger

Bewegungslos eingespannt und mit vier Schrauben im Kopf hat sich Tim Don zurück ins Rennen gekämpft. «Der Mann mit dem Halo» heissen seine beeindruckende Geschichte und der gleichnamige Dokumentarfilm. Hier ein Ausschnitt aus der noch unveröffentlichten Doku.

Tim Don, sechs Monate nach Ihrem Genickbruch sind Sie wieder im Rennen. Als Sie nach zwei Stunden 49 Minuten beim Boston Marathon die Ziellinie überquerten, was fühlten Sie in diesem Moment?

Eine riesige Erleichterung, ich spürte, wie eine ungeheure Last von meinen Schultern fiel. Nicht nur meine Erwartungen waren gross, auch diejenigen der Öffentlichkeit. Ich realisierte, wie stark ich meinen Weg während und nach dem Unfall mit der Community teilte. Als ich die Ziellinie überquerte, kehrte mein Glauben zurück, dass ich als Profitriathlet weiterleben und kämpfen kann. Das war definitiv ein Glücksmoment.

Das Wort «aufgeben» existiert in Ihrem Wortschatz wahrscheinlich nicht.

(Er lacht.) Nein, definitiv nicht mehr. Im Moment treibt mich am meisten an, mir selbst zu beweisen, dass ich wieder Teil des internationalen Spitzensports sein kann. Das schulde ich auch meiner Familie. Sie haben mit mir gelitten und mir Halt geschenkt. Diese Chance möchte ich nicht ungenutzt lassen.

Im Oktober wurden Sie zwei Tage vor dem Hawaii-Ironman von einem Auto angefahren. Seit dem Unfall sind Sie als «der Mann mit dem Heiligenschein» bekannt. Als Athlet scheinen Sie magische Fähigkeiten zu haben. Wie würden Sie Tim als Alltagsmensch beschreiben?

Ich bin unkompliziert und ziemlich entspannt. Aber ich liebe es, meinen Alltag zu strukturieren. Das Leben geht so schnell vorbei. Das merke ich vor allem an meinen Kindern. Ich bin ständig damit beschäftigt, mit ihnen Schritt zu halten. Ich liebe die Energie, die sie haben. Sie schenkt auch mir Kraft.

Sie sind ein sehr positiv denkender Mensch. In welchen Momenten zweifeln Sie?

Ich habe immer wieder Zweifel. Das ist definitiv kein Spaziergang. Ich hatte grosse Schmerzen und starke Medikamente, mein Kopf war fixiert. Drei Wochen lang konnte ich nur sitzend im Stuhl schlafen. Weil ich mir beim Unfall auch ein Bein und eine Schulter verletzte hatte, konnte ich kaum gehen. Manchmal hatte ich die Nase voll. Ich mag es nicht, wenn mein Umfeld mir andauernd helfen muss. Ich konnte nicht mal meine Socken anziehen oder die Milch aus dem Kühlschrank nehmen. Da habe ich es nicht immer geschafft, mir zu sagen, ich tue es und kehre an die Spitze zurück. Ich habe so viele Höhen und Tiefen erfahren wie nie zuvor. Dennoch habe ich immer versucht, die positiven Kleinigkeiten zu sehen.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie laufen, fahren, schwimmen, sich bewegen?

Wenn ich trainiere, empfinde ich das nie als Job – es ist meine Passion. Als Profi trainiere ich schon seit den frühen 90er Jahren, und ich kann bis heute mithalten. Ich bin ein Glückspilz! Überall auf der Welt kann ich trainieren und gleichzeitig die schönsten Orte dieser Welt entdecken. Ich bin dankbar dafür, dass mein Körper noch immer mitmacht und mein Kopf noch immer gewillt ist ihn zu pushen.

Es gibt viele Menschen, die sich nicht aufraffen können, sich zu bewegen. Besonders nach einem Rückschlag im Leben. Haben Sie einen Motivationstipp für all die Leute da draussen?

Wenn ich mit jungen Athleten spreche, fällt mir auf, dass sie ihre Lebenserfahrungen vor allem per Smartphone sammeln, nicht mehr live. Unsere Gesellschaft ist derart mit der Social-Media-Welt und dem Leben im Internet beschäftigt. Mein Tipp lautet: Geh raus in die Natur und schalte auch dein Telefon ab, zumindest für einen Nachmittag pro Woche. Geh spazieren, auf einen Run oder mit dem Bike, es muss nichts Verrücktes sein. Sprich mit Leuten oder lies ein Buch, das dich bewegt. Lebenserfahrung macht dich zu dem, was du bist.

Zurück zum Ironman: Welche Ziellinien möchten Sie als Nächstes überqueren?

Mein nächstes Ziel ist, im Einklang mit meinem Körper zu sein. Im Moment trainiere ich 20 Stunden die Woche. Das ist nichts verglichen mit meinen Mitstreitern. Ich versuche das Pensum langsam hochzuschrauben, auf 28 Stunden pro Woche. Erst dann kann ich meine weiteren Rennen planen. Ich will nichts überstürzen und mir zu hohe Ziele setzen. Ich möchte mich auf den Prozess fokussieren, Schritt für Schritt gehen, um hoffentlich Ende Juli zum Ironman in Zürich oder Hamburg anzutreten.

Was haben Sie aus der Zeit nach dem Unfall für Ihre Zukunft mitgenommen?

Ich habe erlebt, dass es eine riesige Community gibt, die mich unterstützt: meine Familie, Freunde, mein Sponsor On, Mitstreiter, gegen die ich sonst antrete, aber auch Leute im Fitnesscenter, die mich anspornten, als ich mit meinem Kopfgestell, dem «Heiligenschein», trainierte. Diese grosse Unterstützung hat mich umgehauen. Ich bin glücklich, dass ich noch gehen kann. Shit happens, aber es zählt nur, was du aus deinem Schicksal machst. Also denke ich positiv und geniesse mein Leben.

Das Interview mit Tim Don fand in Zürich statt, bei einer Filmvorführung von «Der Mann mit dem Halo» in kleinem Kreis auf Einladung von On Running.

Tim Don ist dreifacher Olympionike, Weltmeister im Triathlon und Duathlon und gewann unzählige Podiumsplätze bei ITU Weltmeisterschaften und Ironman-Rennen. Der Brite war schon eine Legende, bevor er 2017 das südamerikanische Ironman-Rennen im brasilianischen Florianópolis gewann. Mit diesem Rennen am 28. Mai 2017 hat sich Tim endgültig als wahrer Triathlon-Champion etabliert. Doch seine grössten Herausforderungen sollten noch kommen. The Man with the Halo – das ist seine Geschichte und ein Dokumentarfilm über seinen Weg zurück an die Spitze.

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