Gestrandet in Lindau: Der Mann mit der fliegenden Zigarre

Aktualisiert

Gestrandet in LindauDer Mann mit der fliegenden Zigarre

Eigentlich will Christian Schulthess Rundflüge mit seinem Zeppelin anbieten. Weil ihm eine Basis fehlt, hat er ihn kurzerhand beim Nachbarn parkiert. 20 Minuten Online sprach mit dem Zeppelinpiloten.

von
Joel Bedetti

Er ist 60 Meter lang, 15 Meter breit, 21 Meter hoch, und in seinem Innern schlummern 7000 Kubikmeter Helium. Wie ein «gestrandeter Wal», so der Reporter des Tages-Anzeigers, sieht er aus, der mausgraue Zeppelin, der zurzeit auf einer Wiese im idyllischen Lindau Wurzeln schlägt. Ein Steinwurf davon entfernt wohnt sein Besitzer, der ehemalige Linienpilot Christian Schulthess. Mit seiner Firma Skyship will er Rundflüge mit dem Zeppelin anbieten. Das Problem: Niemand will die fliegende Zigarre beherbergen.

Herr Schulthess, wie geht es Ihrem Zeppelin?

Nicht besonders. Der liegt auf einer Wiese in Lindau und langweilt sich.

Wie kamen sie eigentlich auf die Idee, so ein Ding zu kaufen?

Ich arbeitete als Linienpilot für eine Tochtergesellschaft der Swissair, die aufgelöst wurde. Anstatt stempeln zu gehen, gründete ich 1996 die Firma Skyship und kaufte einen Zeppelin, um damit Rundflüge anzubieten.

Die Leute haben doch Angst, dass der Zeppelin explodiert.

Mitnichten. Er ist mit Helium gefüllt, das ist eigentlich ein Löschgas und kann nicht brennen. Und die Leute wollen Zeppelin fliegen. Wir haben eine Menge Anfragen!

Sie fliegen aber nicht. Was ist schief gelaufen?

Bis vor zwei Jahren konnten wir vom Flughafen Buochs aus starten. Der wurde dann aber verkleinert und hatte keinen Platz mehr für den Zeppelin. Wir wollten auf den Flughafen Dübendorf ausweichen, aber der Stadtpräsident Lothar Ziörjen will mit uns nicht mal darüber reden.

Was haben sie stattdessen gemacht?

Im letzten Jahr sind wir mit dem Zeppelin auf Europatournee gegangen und haben Luftwerbung für Skoda und eine polnisch Internetfirma gemacht. In den letzten paar Monaten haben wir den Zeppelin in der Nahe von London verstaut.

Und wie kommt der Zeppelin jetzt in ihren Wohnort Lindau?

Wir hätten ihn verzollen müssen, wenn wir in England geblieben wären. Völlig absurd. Also fragte ich die beiden Bauern in meiner Nachbarschaft, ob ich den Zeppelin bei ihnen verstauen könnte. Der Hansueli Isler hat Ja gesagt, und so sind wir mit dem Ding von England nach Lindau geflogen. Seither langweilt er sich dort.

Aber er hat doch viel Besuch, oder?

Ja, er ist zu einer kleinen Dorfattraktion geworden. Am Wochenende waren mindestens fünfzig Leute dort.

Wenns schon nicht klappt mit den Rundflügen, könnten Sie wenigsten dafür Geld verlangen.

Das wäre eine gute Idee, aber dafür braucht man eine Bewilligung – wie für alles in der Schweiz.

Herr Schulthess, Hand aufs Herz: das war doch einfach ein wenig naiv, mal so einen Zeppelin zu kaufen und Rundflüge zu veranstalten.

Es war eine neue Geschäftsidee! Es kann doch nicht jeder Banken oder Zeitungen aufmachen. Aber vielleicht haben Sie Recht. Am einfachsten macht man ein Geschäft auf, für das man nur ein Büro benötigt, dann kriegt man nicht solche Probleme.

Was haben sie im Sinn, wenn Sie hier keine Bleibe für Ihren Zeppelin finden?

Dann müssen wir ihn abbrechen und in eine grosse Kiste verpacken, das wäre dann auch das Ende unserer 13 jährigen Firma.

Herr Schulthess, ihre Firma steckt gerade in einer Riesenkrise. Wieso tönen sie eigentlich so gut gelaunt?

Ich versuche mich nicht unterkriegen zu lassen! Aber natürlich bin ich auch frustriert. Ich habe viel investiert, und die Nachfrage für Zeppelin-Rundflüge ist gross. Hätten wir eine Bleibe, würde das Geschäft bestens laufen!

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