Sidney Lumet gestorben: Der «Meister des Justizfilms» ist tot
Aktualisiert

Sidney Lumet gestorbenDer «Meister des Justizfilms» ist tot

Der amerikanische Starregisseur Sidney Lumet, der in seiner ein halbes Jahrhundert umspannenden Karriere mehr als 40 Filme schuf, ist im Alter von 86 Jahren an Lymphdrüsenkrebs gestorben.

von
Uwe Käding
dapd
Sidney Lumet hat nur 2005 einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk erhalten.

Sidney Lumet hat nur 2005 einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk erhalten.

Über ein halbes Jahrhundert war Sidney Lumet ein kritischer Chronist der Gegenwart, aber auch ein Meister des Inszenierens bewegender Momente in seinen Filmen. Ob in seinem frühen Welterfolg «Die zwölf Geschworenen» oder später in anderen Oscar-nominierten Filmen wie «Hundstage »(1975), »Network« (1976), «Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit» (1983) und «Prince of the City» (1981) - Lumet führte Schaupieler wie Henry Fonda, Al Pacino, Paul Newman und Peter Finch zu Höchstleistungen.

In dem Justizdrama von 1957 führte Lumet einer staunenden Nachkriegswelt Zivilcourage und Überzeugungskraft eines kritischen Kopfes vor Augen, der sich nicht dem auf Mutmassungen und Vorurteilen seiner Mitjuroren fussenden Schuldspruch anschliessen wollte. Wie sich der von Henry Fonda in einer Paraderolle gespielte Vertreter einer Minderheitsmeinung in der Jury durchsetzt, ist noch immer ein faszinierend anzuschauender Film.

Lumet, der 1924 in Philadelphia geboren wurde, hat nach diesem Kinohit regelmässig neue Produktionen auf die Leinwand gebracht, darunter so bekannte Streifen wie «Der Pfandleiher» (1964), «The Hill» (1965), »Hundstage« (1975) und «Network» (1976). Obwohl in diesen Filmen ganz verschiedene Stoffe behandelt wurden, handelten sie doch allesamt um das Thema der Macht und was diese aus und mit den Menschen macht. Immer wieder ging es Lumet auch um den Zustand von Justiz, Polizei, Medien wie auch Politik.

Handwerk am Broadway gelernt

Nicht zuletzt deshalb kann der Regisseur als langjähriger Chronist amerikanischer Realitäten bezeichnet werden. Dass sein Blick auf diese Realitäten zunehmend illusionsloser, härter, ja auch zynischer wurde, ist mehr den negativen Veränderungen der US-Gesellschaft geschuldet als einer veränderten Perspektive Lumets. Obwohl er in seiner Frühzeit nach der Rückkehr aus dem Kriegsdienst 1946 eine avantgardistische Schauspielschule in New York gegründet hatte, achtete Lumet sowohl bei seinen TV- wie Kinoarbeiten stets darauf, unterhaltsam und spannend seine Geschichten zu erzählen.

Das sicherte dem Filmemacher die Aufmerksamkeit eines grossen Publikums, ohne dem Massengeschmack Zugeständnisse zu machen, die Lumets künstlerischer Integrität abträglich gewesen wären. Sein Handwerk hatte der Regisseur, der schon als Kind am Yiddish Art Theatre in New York aufgetreten war, an Broadway-Bühnen und in der Pionierzeit des neuen Mediums Fernsehen gründlich gelernt. Als er mit 33 Jahren «Die zwölf Geschworenen» drehte, war Lumet schon ein erfahrener Profi, der gleichwohl nicht darauf rechnen durfte, mit einem solchen Paukenschlag seine Kinokarriere starten zu können.

Oscar für das Lebenswerk

Der «Meister des Justizfilms» hat trotz mehrfacher Oscar-Nominierung nie diese Auszeichnung für einen seiner Filme erhalten. 2005 erhielt er den Ehren-Oscar für sein Gesamtwerk. Lumet war mit sich und seiner Karriere im Reinen; allein dass er mit der TV-Nachrichten-Satire «Network» gegen den Boxer-Film «Rocky» unterlag, wurmte ihn. Das habe ihn angewidert, sagte er einmal.

2006 zog er aber eine positive Bilanz seines Schaffens: «Ich muss mich weiss Gott nicht über meine Karriere beschweren», sagte er. «Ich hatte eine sehr gute Zeit und habe einige sehr gute Arbeit erledigt.» Am Samstag starb er im Alter von 86 Jahren an Krebs, wie seine Familie mitteilte.

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