Adolf Eichmann: Der Mörder als Biedermann
Aktualisiert

Adolf EichmannDer Mörder als Biedermann

Waldarbeiter, Hühnerzüchter, Buchhalter des Todes: Am 31. Mai 1962 wurde der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann in Israel hingerichtet.

von
Rolf Maag
Eichmann vor Gericht in Jerusalem

Eichmann vor Gericht in Jerusalem

Als die Bürger des Dorfes Altensalzkoth in der Lüneburger Heide ab April 1961 in den Abendnachrichten regelmässig einen unscheinbaren Mann mit Hornbrille zu sehen bekamen, der sich vor einem Gericht in Jerusalem für unvorstellbare Verbrechen verantworten musste, dürften sie sich verwundert die Augen gerieben haben: Das sollte Adolf Eichmann sein, der Cheforganisator des Holocausts, auch «Buchhalter des Todes» genannt? War das nicht Otto Henninger, der nach dem Krieg jahrelang unter ihnen gelebt hatte?

Eichmann geriet im Mai 1945 in amerikanische Gefangenschaft und wurde im Kriegsgefangenenlager Oberdachstetten in Franken festgehalten. Dort gab er sich als SS-Untersturmführer Otto Eckmann aus, enthüllte aber einigen Mitgefangenen seine wahre Identität, darunter auch dem SS-Offizier Hans von Freiesleben. Dieser verfasste ein Empfehlungsschreiben für Eichmann, das an Freieslebens Bruder gerichtet war, einen Förster in der Lüneburger Heide. Dorthin entkam Eichmann im Februar 1946; in Hamburg beschaffte falsche Papiere wiesen ihn als Otto Henninger aus.

Waldarbeiter und Hühnerzüchter

In Altensalzkoth lebte Eichmann zunächst in einer Baracke, zusammen mit 20 anderen ehemaligen Soldaten. In den umliegenden Wäldern erzielte er ein bescheidenes Einkommen, indem er Brennholz sammelte und Bäume fällte. Vielen fiel auf, dass er niemals Alkohol trank - eine Vorsichtsmassnahme Eichmanns, der befürchtete, er könnte sich im Rausch ungewollt verraten. Ansonsten hatte er im Dorf einen guten Ruf, weil er viele Leute beim Schriftverkehr mit den Behörden unterstützte und sich freundlich und zurückhaltend gab.

1948 ging die Firma, die ihn bisher beschäftigt hatte, in Konkurs. Eichmann mietete nun einen Bauernhof und erwarb 100 Hühner. Fortan lebte er vom Verkauf von Hühnerfleisch und Eiern. Pikanterweise befanden sich unter seinen Kunden auch einige Juden, die das nahe gelegene Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt hatten und sich nach wie vor in der Umgebung aufhielten.

Flucht nach Argentinien

Im Frühjahr 1950 erzählte Eichmann seinen Nachbarn, er wandere nun nach Norwegen aus, um dort als Maschinenbauer zu arbeiten. In Wirklichkeit schleuste ihn ein Tiroler Netzwerk ehemaliger SS- und SD-Offiziere über den Brenner nach Genua, von wo er mit dem Dampfer «Giovanna C» nach Argentinien übersetzte. Wertvolle Dienste bei seinem Passantrag - Eichmann gab sich inzwischen als Riccardo Klement aus Südtirol aus - hatte ihm auch der katholische Bischof Alois Hudal geleistet.

In seiner neuen Heimat konnte Eichmann zunächst auf die Unterstützung des Deutsch-Argentiniers Horst Carlos Fuldner zählen. Im Auftrag von dessen Firma CAPRI mass er in der Provinz Tucumán im Nordwesten des riesigen Landes Strömungsgeschwindigkeiten von Flüssen und wohnte in einem kleinen Bergdorf.

Verbindungen zu Ex-Nazis

1952 holte er seine Frau Vera und die drei Söhne ins Land (sie hatten sich bis dahin in Österreich aufgehalten); bereits ein Jahr später liess sich die Familie in Buenos Aires nieder. Nachdem Eichmann mehrmals vergeblich versucht hatte, sich selbständig zu machen, fand er schliesslich eine Anstellung als Schweisser und Mechaniker bei einer Mercedes-Benz-Fabrik.

Verbittert über seine relative berufliche Erfolglosigkeit und die immer wieder prekäre finanzielle Situation, erinnerte sich Eichmann nun seiner Vergangenheit als «Endlöser». Bei privaten Anlässen traf er sich regelmässig mit anderen Nazis, denen die Flucht nach Argentinien gelungen war. Unter ihnen befand sich auch der berüchtigte Auschwitz-Arzt Josef Mengele. Vor allem aber erzählte er dem holländischen Journalisten Willem Sassen, einem ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS, jeden Sonntag bei laufendem Tonbandgerät von seinen «Heldentaten» während des Krieges. «Ich war kein normaler Befehlsempfänger, dann wäre ich ein Trottel gewesen, sondern ich habe mitgedacht, ich war ein Idealist», prahlte er, während sich Sassen fleissig Notizen machte. Bedauernd fügte er hinzu: «Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, hätten wir von den 10,3 Millionen Juden 10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich zufrieden und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet.» Er verstand sich also keineswegs nur als willenloses Werkzeug in den Händen seiner Vorgesetzten (wie er später vor Gericht behauptete), sondern war nach wie vor von seiner «Mission» überzeugt.

Die Entführung

Wie seit 2006 freigegebene Akten zeigen, kannten sowohl der Bundesnachrichtendienst (BND) als auch der amerikanische Geheimdienst CIA spätestens seit 1958, möglicherweise aber sogar schon seit 1952 Eichmanns Aufenthaltsort. Dennoch geschah nichts, denn die Amerikaner betrachteten die Verfolgung von NS-Verbrechern im Kalten Krieg nicht mehr als dringlich, und die bundesdeutsche Justiz zeichnete sich in solchen Angelegenheiten ohnehin nicht durch besonderen Eifer aus. Erst als der engagierte hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer die israelischen Behörden informierte, kam Bewegung in die Sache. Am 11. Mai 1960 überwältigte schliesslich ein Kommando des Auslandgeheimdienstes Mossad Eichmann, als er von der Arbeit zurückkehrte; anschliessend wurde er nach Israel ausgeflogen.

Das Ende

Nach einem weltweit Aufsehen erregenden Prozess wurde Eichmann am 15. Dezember 1961 in Jerusalem zum Tod durch den Strang verurteilt. Nachdem auch seine Berufung gescheitert war und Staatspräsident Jizchak Ben Zwi sein Gnadengesuch abgelehnt hatte, wurde das Urteil am 31. Mai 1962 kurz vor Mitternacht vollstreckt. Seine letzten Worte unter dem Galgen lauteten: «Es lebe Deutschland. Es lebe Argentinien. Es lebe Österreich. Das sind die drei Länder, mit denen ich am engsten verbunden war. Ich werde sie nicht vergessen.» Angesichts solcher Aussagen kann man nur dem Urteil der Philosophin Hannah Arendt zustimmen, die ein berühmtes (und umstrittenes) Buch über den Prozess verfasst hat: «Eichmann war von empörender Dummheit.»

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