Alte Tradition: «Der Muttertag könnte abgeschafft werden»
Aktualisiert

Alte Tradition«Der Muttertag könnte abgeschafft werden»

Flexible Arbeitszeiten statt Blumen: Mütter lehnen sich gegen den Tag zu Ehren der Mutter auf.

von
B. Zanni

Derzeit verbreiten sich auf Twitter rasant Statements von Müttern, die mit klaren Forderungen an die Politik gegen den Muttertag schiessen. Auf das Frühstück im Bett, Blumen und Badesalz pfeifen sie am kommenden Sonntag. Das machen die Botschaften unter dem Hashtag #muttertagswunsch deutlich.

Cornelia Caviglia schreibt: «Ich brauche keine Blumen und keine Pralinen. Ich will nicht die ganze Last alleine schultern müssen.» Berit will flexible Arbeitszeiten bei Kinderkrankheiten statt Massagen. Oder das Fernsehmagazin FrauTV meldet: «Ich will keine Pralinen, sondern dieselben Karrierechancen wie Männer!»

«Geschenke sind eine Beleidigung»

Warum können die heutigen Frauen mit der 1917 eingeführten Tradition nichts mehr anfangen? «Die Frau konzentriert sich heute immer weniger auf die Mutterrolle», sagt Soziologe François Höpflinger. Der Muttertag sei ein Anlass für die Frauen älterer Generationen. «Die Grossmutter im Pflegeheim legt noch grossen Wert darauf, dass die Familie sie an diesem Tag feiert.»

Auch die traditionellen Geschenke haben laut dem Experten ausgedient. «Für junge Mütter sind solche Geschenke zum Teil eine Beleidigung», sagt Höpflinger. Meist würden mit den Geschenken alte Rollenklischees zementiert. Letztes Jahr habe sein Enkel seiner Tochter zum Muttertag aus dem Kindergarten eine selbst gebastelte Abwaschmittelflasche geschenkt. «Meine beruflich voll engagierte Tochter regte sich darüber auf.» Für angemessen hält Höpflinger dagegen Geschenke, die dem Zeitmanagement dienen. «Ein Gutschein für freie Zeit ist das beste Geschenk.»

«Muttertag passt nicht ins neue Rollenbild»

Clivia Koch, Vorstandsmitglied von Alliance F, dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen, stellt Ähnliches fest. «Der Muttertag passt nicht ins neue Rollenbild der Mutter.» Der Anlass drücke der Frau das Bild der dienenden Person auf, die dem Mann den Rücken freihalte. «Dabei machen auch viele junge Männer heute den Haushalt und kümmern sich um die Kinder.» Auf dem Land hingegen habe der Muttertag noch einen hohen Stellenwert. «Die Väter sind verpflichtet, den Frauen einen Blumenstrauss heimzubringen und sie zum Mittagessen ins Restaurant auszuführen.»

Die Twitter-Statements der Mütter gefielen ihr, sagt Koch. Es sei Zeit, dass sich im Bewusstsein der Männer und Arbeitgeber etwas ändere. «Die Abschaffung des Muttertags wäre ein weiterer Schritt in diese Richtung.» Auch Höpflinger würde es nicht als Verlust einschätzen, wenn der Feiertag gestrichen würde. Stattdessen fordert er: «Besser wäre ein Elterntag oder ein Tag der Familie.» Er schlägt vor, dann allen Eltern freizugeben.

«Wichtige Wertschätzung»

SVP-Nationalrätin Sandra Sollberger, zweifache Mutter, ist anderer Meinung. Der Muttertag sei eine wichtige Wertschätzung. «Solange der Mann keine Kinder bekommen kann, bin ich die Mutter.» Frauen, die damit ein Problem hätten, seien vielleicht mit ihrer Situation unglücklich.

Zudem hätten die Kinder immer grosse Freude, wenn sie der Mutter etwas schenken könnten. Kürzlich beobachtete sie einen Kindergärtler, der mit einem selbst gebastelten Kressekopf nach Hause lief. «Der Bub küsste das Geschenk ab, weil er sich so darauf freute, es bald seinem Mami schenken zu können.» Bei dem Anblick sei sie «fast geschmolzen».

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