Aktualisiert 02.03.2016 12:47

Geständiger US-Student

Der mysteriöse 5. Stock des Yanggakdo-Hotels

Unter Tränen gesteht ein US-Student in Nordkorea den Diebstahl eines Propagandaposters. Er dürfte sich auf eine Mutprobe eingelassen haben – im 5. Stock des Yanggakdo-Hotels.

von
Ann Guenter

«Ich bitte euch um Verzeihung. Bitte! Ich habe den schlimmsten Fehler meines Lebens gemacht», sagte Otto Frederick Warmbier vor laufender Kamera. Der 21-Jährige gab zu, im Auftrag einer amerikanischen Kirche in einem Hotel in der Hauptstadt Pyongyang ein Banner mit einem politischen Slogan gestohlen zu haben. Ein Bekannter habe ihm Geld versprochen, wenn er einen «wichtigen politischen Slogan» aus Nordkorea mitbringe, um diesen als Trophäe in einer US-Kirche auszustellen.

Für dieses Geständnis dürfte Warmbier – anders als Abertausende nordkoreanische politische Gefangene – nicht körperlich gefoltert worden sein. Das war wohl auch nicht nötig: «In so einer Situation spielen viele Faktoren hinein, um grossen seelischen Druck aufzubauen», sagt Nordkorea-Experte Rüdiger Frank zu 20 Minuten. «Der 21-Jährige ist in einem Land, dessen Sprache er nicht versteht und wo er von Polizisten mit strengen Gesichtsausdrücken umgeben ist. Er dürfte regelmässig befragt worden sein und sah ansonsten wohl nur noch Gefängnismauern. Aus so einer Lage will man möglichst schnell raus, ein Geständnis kommt einem da leicht über die Lippen.»

«Ich gehe davon aus, dass ein grosser Teil des abgelegten Geständnisses wahr ist», sagt Experte Frank. Bei dem besagten Hotel handelt es sich vermutlich um das Yanggakdo-Hotel, das zweitgrösste Gebäude in Nordkorea. Unter jungen Reisenden ist es auch deshalb beliebt, weil der 5. Stock für Gäste gesperrt ist. Der Lift des 47 Etagen hohen Gebäudes gibt diesen Stock nicht einmal an – ein Mysterium mit umso höherer Anziehungskraft.

Dunkle, bunkerähnliche Räume

Über das Treppenhaus eingedrungene Gäste berichten in Reiseblogs von dunklen Korridoren mit niedrigen Decken, abgeschlossenen Türen, vielen Propagandaplakaten sowie einem Kommunikationsraum, in dem sich Überwachungsmonitore befinden. Einige, die die Etage heimlich ausgekundschaftet haben, mutmassen, dass von hier aus die Telefongespräche des Hotels und darüber hinaus abgehört werden. Andere vermuten, dass in den bunkerähnlichen Räumen historisches Propagandamaterial aufbewahrt wird.

«Den für Gäste gesperrten 5. Stock des Yanggakdo Hotels zu erkunden ist unter manchen jungen Ausländern fast schon zu einem Sport geworden», so Frank. «Sich dort hineinzuschleichen und etwas mitzubringen – im vorliegenden Fall ein Propagandaposter – ist von Warmbier wohl als Mutprobe verstanden worden. » Für viele antinordkoreanische Gruppen kommt so eine Trophäe einem ausgestrecktem Mittelfinger gegenüber dem kommunistischen Regime gleich.

Ausgestreckter Mittelfinger gegenüber dem Regime

«Grundsätzlich werden Touristen in Nordkorea zwar an der freien Bewegung gehindert, aber respektvoll behandelt. So ein Dummejungenstreich, bei dem staatliche Symbole missachtet werden, kann indes stark nach hinten losgehen», so Frank weiter. «Der junge Amerikaner hat das unterschätzt. Jetzt dürfte er bei Verhandlungen mit den USA als Faustpfand eingesetzt werden – denn Nordkorea nutzt diesen Vorfall, auch wenn es ihn in diesem Falle nicht selbst provoziert hat.»

Noch ist unklar, was für eine Strafe den 21-jährigen Warmbier erwartet. Ende Januar hatte es jedenfalls drohend geheissen, der Student habe «mit stillschweigender Duldung der US-Regierung und durch ihre Beeinflussung» ein Verbrechen gegen Nordkorea begangen.

Nordkorea will UNO-Menschenrechtsrat boykottieren

Das Land werde nicht mehr an internationalen Sitzungen teilnehmen, die seine Menschenrechtssituation «aus politischen Gründen» kritisierten, sagte der nordkoreanische Aussenminister am Dienstag in Genf. Resolutionen gegen Nordkorea würden nicht angewendet, so Aussenminister Ri Su Yong. Diese würden beweisen, dass der Rat «parteiisch» sei. Pjöngjang werde in Menschenrechtsfragen weiterhin mit Staaten zusammenarbeiten, welche die Souveränität seines Landes anerkennen. Allerdings werde nicht mehr mit Staaten kooperiert, die Menschenrechtsfragen für «politische Zwecke» missbrauchten.(SDA)

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