Aktualisiert 16.10.2007 10:27

Der nette Menschenfresser von nebenan

«Nach meinen Vorstellungen ist er nun ein Teil von mir», erzählt der als Kannibale von Rotenburg bekannte Armin Meiwes in seinem ersten TV-Interview. Ansonsten machte er einen äusserst friedfertigen Eindruck.

Mit ruhiger Stimme und sehr gefasst spricht der «Kannibale von Rotenburg» zum ersten Mal im deutschen Fernsehen: Im Interview mit RTL erzählte der heute 45-jährige Armin Meiwes über seine Kindheit, die Beziehung zu seiner Mutter und «sein grosses Trauma».

Das Gespräch wurde vom Hamburger Journalist Günter Stampf geführt. Dieser beschrieb Meiwes anschliessend als «einen höflichen, hilfsbereiten Menschen, harmlos wie ein freundlicher Krankenpfleger». Zu Wort kommen auch «Spiegel»-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, Prozess-Gutachter Klaus Michael Beier sowie der Wiener Kriminalpsychologe und Profiler Thomas Müller.

Meiwes sitzt lebenslang im Hochsicherheitsgefängnis Kassel, verurteilt wegen Mord und Störung der Totenruhe. Gefragt, ob er nachvollziehen könne, dass seine Tat von anderen Menschen als grausam empfunden wird, sagt er: «Ja, jeder der sich nicht da hineinfühlen kann, findet das monströs. Für mich war das normal zu dieser Zeit. Im Prinzip bin ich ein ganz normaler Mensch.»

Eine ganz normale Kindheit

Die Doku zeigt das Bild von einem Jungen, der ein unbekümmertes Leben in einem idyllischen Gutshof im hessischen Rotenburg lebt. Mit acht Jahren wird er von seinem Vater verlassen, auch sein älterer Halbbruder geht. Kurz darauf stirbt die Grossmutter und Meiwes wird bei seiner psychisch kranken Mutter zurückgelassen. Meiwes selbst beschreibt diese Verluste als «traumatisch» und erzählt, wie er sich damals «einen jüngeren Bruder» wünschte, einen, den er «in sich aufnehmen» könne. Bald kommen die ersten kannibalischen Fantasien, mit zwölf ist sein Lieblingsmärchen «Hänsel und Gretel». Tötungshandlungen kommen «mit 16, 17» in seine Fantasien ein, erzählt er dem Profiler Thomas Müller.

Das Opfer trifft er im Internet

Der Film beschreibt auch die Kindheit des Opfers: Bernd Brandes erlebt mit fünf Jahren den Selbstmord seiner Mutter. Das Thema wird nie mit dem Vater besprochen und als er sich Jahre später als Homosexueller outet, ist die Beziehung zerstört. Brandes steht auf Schmerz und ist ständig auf der Suche nach dem ultimativen Sexerlebnis.

In einem Internet-Forum über Kannibalismus lernen sich Meiwes und Brandes kennen. Laut der Gerichtsreporterin Friedrichsen sind rund 10 000 Kannibalen in Deutschland und über eine Million weltweit auf der Suche nach Gleichgesinnten. Meiwes bestätigt mit einem Grinsen vor der Kamera: «Man glaubt gar nicht, wie viele Hänsel im Internet rumsausen.»

«Wir haben uns immer weiter und weiter in unsere Fantasien vom Fressen und Gefressenwerden hineingesteigert», erzählt er weiter über seine Internet-Beziehung mit Brandes. Über seine Gräueltat sagt er: «Ich habe das Steak von Bernd kurz angebraten, mit Salz, Pfeffer, Knoblauch und Muskat gewürzt. Dazu gab es Prinzess-Kartoffelbällchen, Rosenkohl und eine grüne Pfeffersauce.» Das Fleisch habe «ähnlich wie Schweinefleisch» geschmeckt.

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