Aktualisiert 19.04.2020 09:05

Offroad-Ikone

Der neue Defender macht den Spagat

Bei ersten Probefahrten in Namibia hat der neue Land Rover Defender bewiesen, dass er trotz Hightech-Ausrüstung noch immer ein perfekter Offroader ist.

von
tg
Der neue Land Rover Defender hat sich vom Hardcore-Offroader zum Hightech-Geländewagen entwickelt.

Der neue Land Rover Defender hat sich vom Hardcore-Offroader zum Hightech-Geländewagen entwickelt.

LR

Er gehört zu Afrika wie das Nashorn, Nelson Mandela und die kleinen Propeller-Maschinen der Buschpiloten. Denn nicht nur aus Schottland oder London ist der Land Rover Defender kaum wegzudenken – nein, auch in Kenia, dem Kongo oder in Namibia ist der Urtyp des rustikalen Geländewagens eine feste Grösse.

Deshalb war es für die Briten auch keine Frage, wo der überfällige Nachfolger zur Jungfernfahrt antreten sollte, bevor er in diesen Tagen zu Preisen ab 64'000 Franken für die Langversion «110» oder 57'000 Franken für den 90er in den Handel kommt. Erst recht nicht, weil Land Rover zahlreiche Zweifel an der Neuauflage ausräumen muss. Schliesslich haben es die Briten zum ersten Mal seit 70 Jahren nicht bei einem Facelift belassen, sondern den Defender von Grund auf neu konzipiert und dabei komplett neu erfunden. Denn im Bemühen, die Ikone fit für das neue Jahrtausend zu machen, ist aus dem rustikalen Hardcore-Offroader ein Hightech-Geländewagen geworden, der sich auf der Datenautobahn so tapfer behaupten will wie im Dschungel.

Defender für «eine neue Ära»

Dabei herausgekommen ist ein Auto, das auf den ersten Blick vom Werkzeug zu einem Spielzeug geworden ist und jetzt eher an Playmobil erinnert als an die Pampa: Abgerundete Ecken, verspielte LED-Leuchten vorne und hinten und eine eigenwillige Kunststoffkachel in der Fensterfläche an der Seite – keine einzige Linie und erst recht kein einziges Blechteil wurden vom Vorgänger übernommen. Aber spätestens auf den zweiten Blick hat Designchef Gerry McGovern damit einen guten Job gemacht. Denn ohne in die Retro-Falle zu tappen, hat er einen Geländewagen gezeichnet, den man trotzdem auf Anhieb als Defender erkennt, weil er den gleichen Charakter und die gleichen Charakteristika hat – von den seitlichen Fenstern im Dach über das aussen angeschlagene Ersatzrad bis hin zur absolut waagrechten Gürtellinie.

Innen haben die Designer den Defender fit für das Rendez-vous mit der Generation iPhone gemacht: So gibt es zwar weiterhin Haltegriffe, an denen man wahrscheinlich einen Elefanten festbinden könnte, offene Muttern und Schrauben und Verkleidungen, für die Sandstrahlen ein wohliges Peeling sind. Doch zugleich bauen die Briten erstmals digitale Instrumente ein und ersetzen viele Bedienelemente durch einen grossen Touchscreen. Selbst WLAN ist an Bord verfügbar, und der Zündschlüssel wird zum Activity Key, den man als Armband mit zum Joggen oder Schwimmen mitnehmen kann. Und in keinem anderen Auto wird man so viele USB-Ladepunkte finden wie im Defender, behaupten die Entwickler.

Fit für die Generation iPhone

Die Mittel und Wege mögen andere sein, doch das Ziel ist unverändert: Auch der neue Defender will im Gelände weiterkommen als die meisten anderen Geländewagen, nur dass man dafür am Steuer keine 70 Jahre Erfahrung mehr braucht. Denn dank des erweiterten Terrain Response Systems und einem Heer von Kameras, die den Wagen aus allen erdenklichen Perspektiven zeigen und selbst die Motorhaube oder das Bodenblech herausretuschieren, werden Offroad-Abenteuer zum Kinderspiel. Egal, ob meterhohe Sanddünen, schlammige Buschpisten, ausgetrocknete Flussbetten, überschwemmte Furten oder steinige Gebirgspässe – viel mehr als den kleinen Finger und den grossen Zeh braucht man nicht, um den Defender durch dick und dünn zu bringen. Im Zweifelsfall hilft die Elektronik.

Während einem das irgendwie vertraut vorkommt und man sich am Steuer allenfalls darüber wundert, wie wenig man neuerdings fürs Durchkommen tun muss, zeigt sich der Defender auf der Strasse von einer ganz neuen Seite: Wenn man in Afrika ausnahmsweise mal ein Stück Asphalt findet, dann entpuppt sich der Land Rover dort jetzt als überraschend komfortabler, leichtgängiger und familienfreundlicher Geländewagen und stempelt den ebenso lauten wie lahmen und vor allem ungehobelten Vorgänger definitiv zum Oldtimer. Flüsterleise, butterweich und sanft wie ein Löwe beim Verdauungsschlaf wird er zum gemütlichen Giganten, mit dem man endlos dem Horizont entgegenrollen könnte.

Treibende Kraft dabei sind die neuen Ingenium-Motoren, die Land Rover erst mit Mild- und später auch mit Plug-in-Hybrid-Technik ausrüstet: Ein 2,0-Liter-Diesel mit 200 oder 240 PS, ein 2,0-Liter-Benziner mit 300 PS oder ein Reihensechszylinder mit drei Liter Hubraum und 400 PS. Damit sind Geschwindigkeiten möglich, von denen Defender-Fahrer bislang nur träumen konnten.

Platz für bis zu acht Personen

Angeboten wird der neu aufgelegte Klassiker dabei wie bislang in zwei Formaten als 110er mit fünf Türen und 5,02 Meter Länge oder ein paar Monate später als 90er. Der ist etwa einen halben Meter kürzer und hat nur drei Türen. Mit einer dritten Sitzreihe und einem Klappsitz auf dem Mitteltunnel in der ersten Reihe finden im 110er bis zu acht Personen Platz. Theoretisch. Denn man muss sich schon sehr gerne haben, wenn man vorne als Trio sitzen will. Erst recht, wenn es über Stock und Stein geht wie in Namibia.

Genau wie beim Design ist auch technisch nichts beim Alten geblieben. War der Defender bis dato einer der letzten Geländewagen mit Leiterrahmen und Starrachsen, rückt er nun mit dem Discovery zusammen und leistet sich deshalb ebenfalls eine selbsttragende Karosserie, die weitgehend aus Aluminium gefertigt ist. Dazu gibts einzeln aufgehängte Räder, einen elektronisch geregelten Allradantrieb und eine Terrain Response Control, wie man sie von den anderen Land-Rover-Modellen kennt. Und auf Wunsch ist sogar eine Luftfederung verfügbar.

Man kann Land Rover beim Defender viele Vorwürfe machen – allen voran, dass sie sich bei der Nachfolgeplanung so viel Zeit gelassen und nun drei Jahre Pause gemacht haben. Doch was man ihnen nicht vorwerfen kann, das ist eine aus der Treue zum Original geborene Angst vor der Veränderung. Sondern vor allem Designchef Gerry McGovern macht keinen Hehl daraus, dass er sich keine Fesseln anlegen lassen und deshalb einen neuen Defender für eine neue Ära zeichnen wollte. Dass sich der weiter vom Original entfernt, als viele erwartet haben, kompensieren die Briten mit einem einfachen Trick: Um alle Zweifel im Keim zu ersticken, schreiben sie gleich ein Dutzend Mal «Defender» aufs Blech.

Das hätte das Auto gar nicht nötig. Denn auch ohne Zierkram steht der neue Defender den Spagat zwischen «Daktari» und Digital Natives ausgesprochen souverän.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.