Aktualisiert 28.05.2010 17:17

Iranische RegimegegnerDer neuste Protest: Männer im Tschador

Hat da jemand Kopftuchverbot gesagt? Im Iran haben Hunderte Männer ihren Kopf verhüllt – aus Solidarität mit einem verhafteten Studentenführer.

von
Peter Blunschi

Majid Tavakoli wusste, was ihn erwartet. Bereits 2006 war er zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt worden wegen Beleidigung der Religion und der Staatsführung. Dennoch hielt er am letzten Montag während der grössten regierungsfeindlichen Kundgebung seit Monaten an der Amir-Kabir-Universität in Teheran eine mutige Rede: «Steht auf gegen die Diktatur und schreit gegen die Diktatur. Wir akzeptieren die Diktatur nicht mehr.»

Prompt wurde Tavakoli verhaftet. Tags darauf veröffentlichte die Nachrichtenagentur Fars ein Foto des 22-jährigen Studentenführers in einem schwarzen Tschador mit blauem Kopftuch. Tavakoli habe feige in Frauenkleidern flüchten wollen, lautete die Botschaft. Augenzeugen der Verhaftung widersprachen vehement. Es handle sich um einen Versuch, den Studenten und die gesamte Opposition zu demütigen.

Symbol der Unterdrückung

Doch der Schuss ging nach hinten los: Im Internet entstand eine Solidaritätskampagne «Wir sind alle Majid». Hunderte iranische Männer liessen sich in Tschador und Schleier ablichten und stellten die Bilder ins Netz. Bereits gibt es auch mehrere Clips auf YouTube, welche die Aktion dokumentieren und sich mit dem Studenten solidarisieren.

Allerdings fehlt es auch nicht an ironischen Kommentaren, denn was die Männer bei dieser Aktion freiwillig machen, ist für die iranischen Frauen Pflicht. Das Kopftuch, ein Symbol der weiblichen Unterdrückung, werde zum Merkmal einer Freiheitsbewegung. Einzelne Websites gingen so weit, Fotomontagen von Präsident Mahmud Ahmadinedschad oder Revolutionsführer Ali Chamenei im Tschador zu veröffentlichen.

Chamenei warnt Opposition

Damit allerdings begeben sich die Regimegegner auf dünnes Eis, denn Angriffe auf den geistlichen Führer gelten im Iran als absolutes Tabu. Ayatollah Chamenei warnte am Sonntag die Opposition und warf ihr vor, das islamische System im Iran stürzen zu wollen. Dabei bezog er sich auf die angebliche Verbrennung von Bildern des Staatsgründers Ayatollah Ruhollah Chomeini. Oppositionsführer wie Mir Hussein Mussawi bestreiten den Vorfall. Sie fürchten eine weitere Verschärfung der Repression.

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